»Anleitung zum Genuß der Kunstwerke...«


vitzthum
 
Von Andrea Brand

Auf Vorschlag des Ministeriums wurde Georg Graf Vitzthum von Eckstädt 1911 auf das Kieler Ordinariat für Kunstgeschichte berufen (1). Er kam aus der Leipziger Schule August Schmarsows (2), bei dem er 1903 mit einer Arbeit über den damals in der deutschen Forschung weitgehend unbekannten Bernardo Daddi promoviert wurde (3). Anschließend war er als Volontär an den Königlichen Museen in Berlin tätig und habilitierte sich 1907 mit seiner Schrift »Die rheinische Malerei zu Anfang des 14. Jahrhunderts auf ihre Quellen untersucht« (4) in Leipzig, wo er im gleichen Jahr Privatdozent und 1910 Extraordinarius wurde. Als Kollege und Vertreter der gleichen Schule ist an dieser Stelle Wilhelm Pinder zu nennen, der am 4. Februar 1911, neben Graf Vitzthum und Vöge, seitens der Kieler Philosophischen Fakultät zur Besetzung des Lehrstuhls für Kunstgeschichte beim Berliner Kultusministerium benannt worden war (5). Daß letztlich Graf Vitzthum nach Kiel berufen wurde, hatte dieser vornehmlich der Protektion des Generaldirektors der Kgl. Museen, Wilhelm von Bode, zu verdanken, als dessen Mitarbeiter er ja bereits tätig gewesen war. Bode sprach Pinder für eine Tätigkeit am Kieler Lehrstuhl rigoros die nötige Qualifikation ab, erklärte ihn aber für sein Amt in Darmstadt als »recht brauchbar« (6). Da Vöge seine Berufung nach Kiel ablehnte, konnte Graf Vitzthum, der als begabter junger Forscher und lebendiger Lehrer galt, schließlich sein Amt in Kiel im Jahre 1912 antreten. Sein wissenschaftlicher Ruf basierte vor allem auf seinem Werk über die Pariser Miniaturmalerei (7), worin das Handschriftenmaterial der französischen Malerei von 1250 bis 1320 erstmalig in derartigem Umfang zusammengestellt worden war. Die Bearbeitung und entwicklungsgeschichtliche Einordnung erfolgen nach ausschließlich stilkritischen Gesichtspunkten (8), die Frage nach Herkunft und Auswirkung des gotischen Stils in der französischen Malerei wird grenzübergreifend und mit besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zu England, Belgien und zur rheinischen Malerei des 14. Jahrhunderts gestellt.

Bereits 1913 übernahm Georg Graf Vitzthum die Bearbeitung der »Mittelalterlichen Malerei und Plastik« im Rahmen des Handbuchs der Kunstwissenschaft (9), wobei bis zum Sommer 1914 die ersten Teillieferungen vorlagen. Der Kriegsausbruch unterbrach ebenso abrupt jede weitere Forschungs- und Lehrtätigkeit am Institut, wie er ein mögliches Engagement für die Kunsthalle verhinderte. Gemeinsam mit seinem Assistenten Frederick Charles Willis wurde Vitzthum noch im Wintersemester 1914/15 als Reserveoffizier an die Front kommandiert. Seine Vertretung wurde durch den Kieler Archäologen Bruno Sauer wahrgenommen (10). Nach seiner Rückkehr lehrte er noch zwei Semester in Kiel. Im Sommersemester 1919 behandelte er als Vorlesung die »Geschichte der italienischen Kunst von Giotto bis Raffael« und leitete ein nicht näher bezeichnetes Seminar. Im darauffolgenden Wintersemester las er über »Die niederländische Malerei im 15. und 16. Jahrhundert« und bot ein Seminar zu »Ausgewählten Kapiteln aus der Kunstgeschichte des Mittelalters« an (11). Schon zum Sommersemester 1920 wechselte Vitzthum als Nachfolger Heinrich Alfred Schmids auf den Lehrstuhl der Göttinger Universität, von dem er 1940 krankheitsbedingt vorzeitig emeritiert wurde. Sein schweres Nervenleiden – Spätfolge der Weltkriegserfahrung – hinderte ihn zunehmend an einer intensiven Forschungsarbeit (12). Die vollständige Fassung der »Mittelalterlichen Malerei und Plastik« lag erst 1924 vor, nachdem ihre Fertigstellung übereinstimmend an Wolfgang Fritz Volbach übertragen worden war. Der Anteil Vitzthums umfaßt, entsprechend dem ursprünglichen Plan, die sich auf das Gesamtgebiet der mittelalterlichen Plastik beziehende Einführung und geschichtliche Darstellung, diese allerdings auf dem Forschungsstand von 1914 basierend (13). Ansonsten beschränkte er sich auf eine Reihe von Rezensionen, unter denen diejenigen zu Bella Martens' »Meister Francke« sowie zu Alfred Stanges »Deutsche Malerei der Gotik« herausragen (14).

In seinen »brillanten« Vorlesungen behandelte Georg Graf Vitzthum neben seinem ursprünglichen Forschungsgebiet der mittelalterlichen Kunst sowohl Renaissancemalerei, Barockarchitektur, holländische Malerei des 17. Jahrhunderts, Rubens und die Malerei der Romantik (15).

Der Vitzthum-Schüler Herbert von Einem beschreibt seinen Lehrer als »begeisterten und hinreißenden Redner«, der sein Wissen im persönlichen Diskurs mit großer Intensität und hohem Anspruch vermittelt habe, dessen Persönlichkeit ihn aber aufgrund der »Scheu und Strenge« seines Wesens von der Bearbeitung größerer kunsthistorischer Gegenstände zurückgehalten habe (16). Die – frei nach Jacob Burckhardt – »Anleitung zum Genuß der Kunstwerke« sei ein Leitsatz Vitzthums gewesen, zu dem er sich häufig bekannt habe. Dabei seien Bewunderung und Nachvollziehen genialer Schöpferkraft, Versenkung in das Geheimnis des einzelnen Werkes und dessen organischer Gesetzlichkeit die als »Genuß« interpretierten Kriterien des Umgangs mit Kunst gewesen. Dem Begriff »Kunstwissenschaft« soll Vitzthum, bei einem durchaus universellen Verständnis der Kunstgeschichte, mit einer gewissen Reserviertheit gegenübergestanden haben (17).

Politisch sei der wahrheitsliebende Graf Vitzthum ein Europäer im besten Sinne des Wortes gewesen, der sich 1933 öffentlich und ohne Rücksicht auf Repressalien zu seiner Meinung bekannt habe (18). Er starb am 16. Dezember 1945 in Göttingen.


Anmerkungen

1) Hans Tintelnot, Kunstgeschichte, in: Geschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel 1665–1965, Bd. 5, T. 1: Geschichte der Philosophischen Fakultät, Neumünster 1969, S. 163–87, hier: S. 182. Zu den Lebensdaten: Rudolph Graf Vitzthum zu Eckstädt, Beiträge zu einer Vitzthumschen Familiengeschichte, Leipzig 1935, Taf. 26.

2) Vgl. Herbert von Einem, Georg Graf Vitzthum zum Gedächtnis, Nachruf in der kunstgeschichtlichen Vorlesung der Hamburger Universität vom 7. Januar 1946, in: Die Sammlung, 2/1946 S. 265–269, hier: S. 266. Die theoretischen Grundlagen Schmarsows fanden allerdings in Graf Vitzthums wissenschaftlichen Arbeiten keinen nennenswerten Niederschlag.

3) Georg Graf Vitzthum, Bernardo Daddi, Phil. Diss. Leipzig 1903.

4) Georg Graf Vitzthum, Die rheinische Malerei zu Anfang des 14. Jahrhunderts auf ihre Quellen untersucht, Habil. Schrift, Leipzig 1907. Probevorlesung in Leipzig: »Die französische Plastik zur Zeit Ludwig des XIV.« am 6. Mai 1907. V. Einem, a.a.O., bezeichnet fälschlicherweise Vitzthums Veröffentlichung über die Pariser Miniaturmalerei (s. Anm. 7) als Habilitationsschrift; in der Tat wurde sie dort als letztes Kapitel aufgenommen (Anm. d. Verf.).

5) Tintelnot, a.a.O., S. 181.

6) Ebd., S. 182.

7) Georg Graf Vitzthum, Die Pariser Miniaturmalerei von der Zeit des Hl. Ludwig bis zu Philipp von Valois und ihr Verhältnis zur Malerei in Nordwesteuropa, Leipzig 1907.

8) Vgl. v. Einem, a.a.O., S. 267.

9) Georg Graf Vitzthum u. Wolfgang Fritz Volbach, Die Malerei und Plastik des Mittelalters in Italien (= Handbuch der Kunstwissenschaft Bd. 1), Leipzig 1925, Vorwort von Albert E. Brinkmann, S. 5.

10) Tintelnot, a.a.O., S. 182.

11) Vorlesungsverzeichnisse der Christian-Albrechts-Universität, SS 1919 u.WS 1919/20.

12) Hans Dietrich Gronau, Prof. Graf Vitzthum, in: Burlington Magazine 88/1946, S. 176–179, hier: S. 176; H. v. Einem, a.a.O. S. 266; Tintelnot, a.a.O., S. 183.; Brinkmann, a.a.O., S. 5.

13) Brinkmann, ebd.

14) Gronau, a.a.O., S. 179; Georg Graf Vitzthum, Rezension zu: Bella Martens: Meister Franke, in: Repertorium für Kunstwissenschaft 51/1930, S. 247–253 und zu: Alfred Stange, Deutsche Malerei der Gotik, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 4/1935, S. 241–244.

15) Gronau, ebd., S. 176.

16) Einem, a.a.O., S. 266.

17) Ebd., S. 265.

18) Gronau, a.a.O., S. 179.

 

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