Dr. phil. – Habilitation unerwünscht!


liebreich

Von Barbara Lange

Aenne Liebreich? Wäre Adolf Hitler nicht zum Reichskanzler ernannt und wären die rassenpolitischen Vorstellungen der Nationalsozialisten durch Gesetze staatlich legitimiert worden, Aenne Liebreich hätte sich 1933 als eine der ersten Frauen im Fach Kunstgeschichte in Deutschland an der Kieler Universität habilitiert. In der Institutsgeschichte würde man vermutlich stolz ihren Namen tradiert und nicht mit der Erinnerung um die Umstände ihrer Entlassung auch ihre Existenz verdrängt haben. Wenn die ehemalige Kieler Assistentin im Rahmen dieser Jubiläumsschrift vorgestellt wird, so nicht, um die konstruierte Sonderrolle als Frau und Jüdin weiter festzuschreiben, sondern um der Wissenschaftlerin zu gedenken, die, 1933 aus Kiel vertrieben, sich 1939/40 im Pariser Exil das Leben nahm. (1)

Aenne Liebreich wurde am 2. Juli 1899 als Tochter einer Fabrikantenfamilie in Bocholt/Westfalen geboren. 1921 begann sie mit dem Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie, das sie in München (bei Heinrich Wölfflin), Berlin (bei Adolph Goldschmidt) und Bonn (bei Paul Clemen) absolvierte. Die Wahl der beiden ersten Studienorte fiel, wie bei der Mehrheit ihrer Kommilitoninnen, auf große Städte, die, anders als die Kleinstadt, Studentinnen ein soziokulturelles Umfeld boten. (2) Mit ihrem Dissertationsthema »Kostümgeschichtliche Studien zur kölnischen Malerei des 14. Jahrhunderts« (3), für das sie Paul Clemen als Betreuer wählte, wird eine Spezialisierung auf die Mittelalterkunst-geschichte offensichtlich, der Liebreich in ihren weiteren Forschungen treu bleiben sollte. Vordergründig verfolgt sie in der Untersuchung das Ziel, durch eine Auflistung der Kostümgeschichte eine Datierungshilfe für die kölnische Malerei des 14. und frühen 15. Jahrhunderts zu schaffen. Dieser eher lexikalischen Qualität stellt sie im zweiten Teil eine ausführliche Analyse von Werken der Altkölner Malerei zur Seite. In einer weitausholenden Beweisführung, bei der sie Beobachtungen an Miniaturmalerei und plastischen Werke einbezieht, demonstriert sie die Möglichkeiten der Anwendung ihrer aus der Alltagsgeschichte entwickelten Normvorgaben für die Bewertung des Realismuskonzeptes in der Kunst des gewählten Zeitraums. Methodisch orientiert sie sich an einer historiographischen Herangehensweise, die Archivalien, Heraldik, Rechtsverordnungen etc. zur Interpretation formaler Erscheinungsformen einbezieht, aber auch, hier greift sie aktuelle Diskussionen der Zeit auf, nach den entwicklungsgeschichtlich motivierten Ursachen für Veränderungen sucht. Für die Altkölner Malerei kann sie den formalen Wandel nicht mit den etablierten Vorstellungen des Epochenwechsels zusammenbringen. Die Frage, ob das an Burckhardt orientierte Emanzipationskonzept selbst fragwürdig sei – die allerdings in der Forschung erst viel später aufgeworfen werden wird – stellt sie nicht. Mit ihrer Dissertation stößt Liebreich auf allgemeine Anerkennung der in diesem Feld etablierten Forscher. Paul Clemen schreibt ihr: »Die Sonderdrucke der Dissertation haben bei der Fakultaet einen sehr guten Eindruck hinterlassen. [...] Ich denke, dass die Fachgenossen zumal aus den sehr sorgfaeltigen Hinweisen des ersten Teiles einen grossen Nutzen ziehen werden.« (4) Der zweite Teil trifft ebenfalls auf Zuspruch, wie Briefe von Karl Koetschau und Adolph Goldschmidt zeigen. (5)

Aenne Liebreich setzt ihre Forschungen in diesem Gebiet fort. Ihre folgenden Einzeluntersuchungen bereiten eine große Unternehmung vor, eine »Gesamtdarstellung der europaeischen Kunst am Beginn der Neuzeit«. (6) Nach Abschluß ihres Studiums wird sie zunächst von 1926–1927 Volontärin am Wallraf-Richartz-Museum in Köln, wo sie am Katalog der mittelalterlichen Miniaturen mitarbeitet. Neben der Museumstätigkeit verfaßt sie kürzere Aufsätze und Ausstellungsrezensionen für regionale Tageszeitungen. 1927 erhält sie eine Anstellung in Kiel: zunächst zum 15. März als Volontärassistentin, ab 1. Oktober als Assistentin von Arthur Haseloff. Sie ist mit der »[...] Ordnung und Instandhaltung der Bibliothek, der Photographien- und Diapositiv-Sammlung, mit der Vorbereitung der Vorlesungen und Uebungen (mit gelegentlicher Vertretung), mit der Anleitung der Studierenden bei der Anfertigung von Referaten und Dissertationen etc. beauftragt.« (7) Daneben beginnt sie mit ihren Forschungen zu Claus Sluter, dem ersten Teil der geplanten Gesamtdarstellung. Wie wird sie, weit entfernt von dem Zentrum der Kunst, mit der sie sich beschäftigte, ohne große Sammlung zur mittelalterlichen Kunst vor Ort neben der Alltagsroutine gearbeitet haben? In ihrem Lebenslauf erwähnt sie die Zusammenarbeit mit Haseloff, der ihr bei der Entlassung ein denkbar gutes Zeugnis ausstellt und anmerkt, daß ihre Mitarbeit »weit ueber die ueblichen Assistenzleistungen hinaus« ging, vor allem in der Betreuung der Doktoranden. (8) Dies findet eine Bestätigung etwa in der 1932 abgeschlossenen Kieler Doktorarbeit von Annemarie Güdesen zur Kostümkunde im italienischen Trecento, in deren Lebenslauf es heißt: »Die Anregung zu dieser Arbeit im besonderen verdanke ich der derzeitigen Assistentin am Kunsthistorischen Institut zu Kiel, Fräulein Dr. Änne Liebreich, die mir auch während der ganzen Arbeitszeit in uneigennütziger Weise ratend zur Seite stand« (9), oder bei Ernst Schlee, dem ehemaligen Landesmuseumsdirektor in Schleswig, der in Erinnerung seines Studiums am Kieler Kunsthistorischen Institut schreibt: »Als ich eintrat, war Dr. Aenne Liebreich die Assistentin des Ordinarius. Das war SS 1930. Ich bewahre ihr ein dankbares Angedenken; denn sie war hilfreich den Studierenden.« (10) Woher jedoch erhielt sie selbst ihre Anregungen? Den Unterlagen in den »Archives of the Society for the Protection of Science and Learning« nach zu urteilen, blieb sie weiterhin im Austausch mit ihrem Lehrer Paul Clemen, der ihre Arbeit durch Gutachten förderte. (11) Sie unternahm Studienreisen und knüpfte enge Kontakte zu französischen Kollegen, die ebenfalls über burgundische Plastik im Mittelalter forschten. (12) Aus einer Anmerkung ihrer Untersuchung zum »Calvaire de Champmol« geht hervor, daß sie mit den Kolleginnen und Kollegen des Hamburger Kunsthistorischen Instituts und der Bibliothek Warburg im Austausch stand. (13) Über ihr Verhältnis zu Lilli Martius, die eine so andere berufliche Karriere durchlief und mit der sie auf engem Raum zusammenarbeitete, oder Kontakten zu anderen Kolleginnen erfahren wir nichts. (14) Wurden hier geschlechterrollenspezifische Konkurrenzen ausgetragen, die Aenne Liebreichs Lebensentwurf der »neuen« selbstverantwortlichen Frau zur Grundlage von Außenseitertum und späterem Vergessen machten?

Von August 1931 bis Juli 1932 erhielt Aenne Liebreich ein Stipendium der »Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft«. In dieser Zeit beendete sie die Archivstudien. Ihre Habilitationsschrift »Claus Sluter« schloß sie im Verlauf des Jahres 1932 ab, der Text lag zu Beginn des Jahres 1933 Karl Koetschau (Berlin) und Martin Wackernagel (Münster) zur Begutachtung vor. Beide loben in Briefen die Fülle an verarbeiteten Quellen, die einfühlsame Analyse der Werke, die klare Argumentationsführung. Karl Koetschau schreibt: »Als Habilitationsschrift hat Ihre Sluteruntersuchung das noetige Gewicht: sie besteht der Forschung gegenueber und foerdert sie: sie zeigt, dass Sie auch andere zum Forschen anleiten koennen und durch das beste Mittel der Paedagogik auf die Jugend einzuwirken vermoegen, durch ein musterhaft vorgelebtes Beispiel.« (15) Auf Grund der politischen Entwicklung in Deutschland war es jedoch nicht mehr möglich, das Habilitationsverfahren an der Kieler Universität zum Ende zu bringen. Auf der Basis des Gesetzes vom 7. April 1933 »Zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums«, das eine Tätigkeit von Jüdinnen und Juden an Universitäten, Akademien und anderen staatlichen Organisationen ausschloß, wurde sie am 30. April zunächst beurlaubt, am 13. Mai dann zum 30. Juni 1933 entlassen. (16) Die Demütigungen und Vertreibungen, denen Menschen aus jüdischen Familien an der Kieler Universität ausgesetzt waren, fanden, wie Ralph Uhlig dokumentiert hat, unter grosser Öffentlichkeit statt. (17) Was hat sich konkret am Kunsthistorischen Institut abgespielt, warum wurde es akzeptiert, daß »ihr Platz eines Tages leer [war]« (18)? Im Vergleich mit manchen anderen hatte Aenne Liebreich zunächst Glück im Unglück. Auf Grund ihrer Kontakte zu französischen Kollegen und ihrer guten Sprachkenntnisse konnte sie an der Sorbonne in Paris bei Henri Focillon am Institut d´art et d´archéologie als Assistentin unterkommen, bis Oktober 1934 finanziert durch ein Stipendium vom Comité scientifique, danach bis März 1936 durch eine Donation Rockefeller. Neben der Arbeit in der Lehre übersetzt sie das Sluter-Manuskript und reicht es als Doktorarbeit bei Henri Focillon ein, der sie für eine der besten Doktoren seiner Universität hält. (19) Aufgrund ihrer Forschungen wird sie zum korrespondierenden Mitglied der Akademie von Dijon ernannt.

1936 erscheint die Monographie über Claus Sluter (20), die noch heute berücksichtigt wird (21), auch, wenn wie im Fall der Altkölner Malerei, die Forschung hier weitergegangen ist. Wie schon in ihren früheren Untersuchungen ist es wieder die Kombination von intensiven Archivstudien und Analyse, die besticht. (22) Durch die Quellen schafft Liebreich ein Gerüst, das sie zur Interpretation der Kunstlandschaft (sie operiert mit diesem damals neuen Begriff) wie der Künstlerfigur nutzt, wobei sie die aktuellen Auseinandersetzungen um den Geniebegriff aufgreift. In ihrer Argumentationsführung ist Aenne Liebreich gegenüber der Dissertation mutiger geworden. In der »Conclusion« verbindet sie ihre Ergebnisse mit rezeptionsästhetischen Fragestellungen und versucht, ein Erklärungsmodell für die Kunst Sluters zu schaffen. Die positive Aufnahme des Buches bringt jedoch keine neue wirtschaftliche Existenzsicherung. Aenne Liebreich ist eine von vielen Vertriebenen aus Deutschland auf der Suche nach Unterkunft, Arbeit und voll Furcht vor Ausdehnung des Antisemitismus. In der ihr ausweglos erscheinenden Situation nimmt sie sich bei Kriegsbeginn im Winter 1939/40 das Leben.

Es bleibt Spekulation, ob Aenne Liebreich ohne die Judenverfolgung im Laufe der Jahre eine Professur bekommen hätte. Auch ohne NS-Zeit wäre es nach der Habilitation für sie kein leichter Weg gewesen, waren doch die Wissenschaften an den Universitäten eine männliche Domäne. Nachdem Frauen 1920 auf Grund eines Erlasses des Preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung offiziell zur Habilitation zugelassen worden waren, gab es 1933 an deutschen Hochschulen nur zwei ordentliche Professorinnen, daneben 54 Dozentinnen, von denen 24 den Professorinnentitel erworben hatten. (23) Eine von ihnen, Ottilie Thiemann-Stoedter, geb. Rady, hatte sich 1929 an der TH Darmstadt als erste Frau im Fach Kunstgeschichte habilitiert. (24) 1933 standen drei weitere kunsthistorische Habilitationen an: Aenne Liebreich in Kiel, Helen Rosenau in Münster und Sabine Gova in Marburg. Alle drei Verfahren wurden wegen der Gesetze zum Ausschluß von Jüdinnen und Juden nicht mehr zum Ende gebracht. (25) Der geringe Anteil der Frauen findet seine Begründung in der Geschichte ihres Ausschlusses von den bürgerlichen Bildungseinrichtungen. Das Gemisch aus Vorstellungen verhaltensbiologischer Determination und soziokulturell bestimmter Aufgabenverteilung, das hierfür die Grundlage war, blieb trotz veränderter Rechts- und Wirtschaftslage auch in der Weimarer Republik der Hintergrund für eine mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz von Wissenschaftlerinnen. Diese Position findet sich im übrigen auch in den Stellungnahmen von Frauen, die in der Mehrheit einen akademischen Werdegang nur in den Bereichen für sinnvoll hielten, in denen Frauen ihr besonderes Einfühlungsvermögen ausleben konnten: den Literatur- und Kunstwissenschaften evtl. noch der Medizin, wenn diese karitativ ausgerichtet war. (26) Die Auffassung von der Bestimmung der Frau machte es zwar vergleichsweise einfach, ein Studium der Kunstgeschichte aufzunehmen, sie beinhaltete jedoch keinesfalls mehr Aufstiegsmöglichkeiten nach dem Hochschulabschluß. Wie in den Natur-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften blieben die leitenden Positionen an den Universitäten, Museen und in der Denkmalpflege Männern vorbehalten. Frauen wurden ihre Assistentinnen, die ihnen durch die Übernahme der täglichen Routinearbeit, »Ordnung und Instandhaltung der Bibliothek, der Photographien- und Diapositiv-Sammlung, [...] Vorbereitung der Vorlesungen und Uebungen (mit gelegentlicher Vertretung), [...] Anleitung der Studierenden bei der Anfertigung von Referaten und Dissertationen etc.« (27) Zeit für Forschungsaufgaben schafften. Der Anteil, den die Wissenschaftlerinnen an diesen Arbeiten hatten, geht selten aus den Anmerkungen, manchmal aus den Vorworten hervor. Die Frauen paßten in angenehmer Weise in die etablierten Strukturen, waren sie doch Hilfe, nicht wirkliche Konkurrenz. Diejenigen, die es anstrebten, sich aus der einseitigen Abhängigkeit und Protektion des Lehrer-Schülerinnen Verhältnisses zu lösen und sich selbstverantwortlich Aufgaben stellten, waren die Ausnahme. Aenne Liebreich, die die Kontakte zu ihrem Lehrer im Sinne einer eigenständigen Weiterentwicklung zu nutzen suchte, gehörte zu den relativ wenigen, die in den zwanziger Jahren versucht haben, diesen Weg an der Hochschule zu beschreiten. (28) Sie ging auf die Bedingungen eines vorhandenen Systems ein, das auf die Lebensumstände von Männern, alleinstehend oder sog. Familienväter, zugeschnitten war. Es ist auffällig, daß die Frauen, die hier versuchten, Fuß zu fassen, häufig aus Familien ehemals assimilierter Juden stammten, deren liberale Wertevorstellungen weniger durch eine christlich fundierte Familienethik bestimmt waren. Welche Verankerung diese Vorstellungen jedoch im Bewußtsein der breiten Bevölkerung hatte, zeigt die Akzeptanz der Geschlechterrollenzuweisung der nationalsozialistischen Ideologie, die die Frauen aus den Berufen drängte, wo sie erst als Nothelferinnen im Krieg und in dem kurzen Zeitraum der unmittelbaren Nachkriegszeit wieder willkommen waren.

Was wäre wenn ... Frauen wie Aenne Liebreich weiter versucht hätten, einen gleichberechtigten Platz in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit einzunehmen? Sicher hätte man schon zu einem früheren Zeitpunkt anfangen müssen, über die etablierten Strukturen von Organisation und Repräsentation der Wissenschaften nachzudenken und Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker hätten vielleicht schon früher damit begonnen, nach neuen Formen zu suchen. Auch in diesem Sinne gilt es, sich an Aenne Liebreich zu erinnern.


Anmerkungen

1) Dieser Beitrag kann nicht mehr als ein Anstoß zur Erinnerung sein. Eine ausführlichere Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Arbeit von Aenne Liebreich soll im Rahmen eines Projektes zur Geschichte der Kunsthistorikerinnen erfolgen. Zur Vertreibung von 58 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von der Kieler Universität vgl. Ralph Uhlig (Hrsg.), Vertriebene Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) nach 1933 (= Kieler Werkstücke Reihe A: Beiträge zur schleswig-holsteinischen und skandinavischen Geschichte 2), Frankfurt/Main u.a. 1991, zu Aenne Liebreich hier S.133. Wie auch an anderen Orten wurde die Kieler Institutsgeschichte aus der Zeit des Nationalsozialismus nur fragmentarisch tradiert, das Schicksal der Kollegin vergessen. Da die Aufarbeitung der Geschichte der erzwungenen Emigration von Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern sowie die Berücksichtigung von Kunsthistorikerinnen im Rahmen der Wissenschaftsgeschichte erst in den Anfängen ist, finden sich nur verstreut Hinweise zu Aenne Liebreich. In: Herbert A. Strauss and Werner Röder (Hrsg. mit Hannah Caplan, Egon Radvany, Horst Möller, Dieter Marc Schneider), International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945, Vol. II: The Arts, Sciences, and Literature, 2 Parts, München u.a. 1983 wird sie ebensowenig geführt wie in: Peter Kröner, Vor fünfzig Jahren. Die Emigration deutschsprachiger Wissenschaftler 1933–1945, Münster 1983. In allgemeinen biographischen Nachschlagewerken der Wissenschaften wurde sie nach Erscheinen ihrer Monographie zu Claus Sluter als Jüdin nicht mehr aufgenommen. Ihr Name findet sich in: Herbert A. Strauss, Tilmann Buddensieg und Kurt Düwell (Hrsg.), Emigration. Deutsche Wissenschaftler nach 1933. Entlassung, Vertreibung. List of displaced German scholars 1936. Suppl. list 1937, Berlin 1987, S. 8 und in: Claire Richter Sherman (Hrsg. mit Adele M. Holcomb), Women as interpreters of the visual arts 1820–1979, Westport (Con.) u. London 1981, S.71. Sherman/Holcomb erwähnen zwar ihr Sluter-Buch, die zweifache Doktorenwürde und ihren frühen Tod, gehen jedoch nicht auf ihren wissenschaftlichen Werdegang ein. Wichtige Anregungen erhielt ich durch: Gabriele Hofner-Kulenkamp, Kunsthistorikerinnen im Exil, 2 Teile, Magisterarbeit Hamburg 1991, Typoskript, in das ich Einsicht nehmen konnte. Die Ausführungen zu Aenne Liebreich befinden sich im 2. Teil, der Biographien und Bibliographien von 73 Kunsthistorikerinnen enthält, auf S. 76–77. In den »Archives of the Society for the Protection for Science and Learning« Bodleian Library Oxford, Department of Western Manuscripts (SPSL MS) haben sich Abschriften von Zeugnissen, Gutachten sowie Briefen erhalten, die Aenne Liebreich dorthin weitergegeben hatte. Gabriele Hofner-Kulenkamp (Hamburg) ließ mich Einsicht in Kopien von diesen Quellen nehmen, die Ulrike Wendland (Hamburg) im Rahmen der Arbeit an ihrer Dissertation Vertreibung und Verfolgung deutschsprachiger Kunstwissenschaftler zusammentrug. Beiden sei herzlich gedankt. Ich danke auch Ernst Schlee (Schleswig) für Informationen über Aenne Liebreich, Harm-Peer Zimmermann (Kiel) für Hinweise zur Geschichte des Kunsthistorischen Instituts in der NS-Zeit und Barbara Paul (Berlin) für die anregenden Gespräche zur Bewertung der Geschichte von Kunsthistorikerinnen.

2) Vgl. Gitta Benker und Senta Störmer, Grenzüberschreitungen. Studentinnen in der Weimarer Republik, Pfaffenweiler 1991, S. 3. Deutschland war das letzte Land innerhalb Europas gewesen, das Frauen ohne Ausnahmegenehmigung zum Studium zuließ. Als erstes deutsches Land gewährte Baden 1900 Frauen die Immatrikulation, als letztes 1909 Mecklenburg, an der preußischen Universität Kiel wurden Frauen 1908 zum Studium zugelassen. Damit rissen allerdings die Debatten um das Frauenstudium keineswegs ab. Auch im Zeitalter der »neuen Frau« in der Weimarer Republik blieb der Legitimationszwang der akademischen Fähigkeiten von Frauen bestehen.

3) Aenne Liebreich, Kostümgeschichtliche Studien zur kölnischen Malerei des 14.Jahrhunderts, in: Jahrbuch für Kunstwissenschaft 1928, Teil I: S.65–104 und Teil II:S.129–156. (zugl. Phil.Diss. Bonn 1925).

4) Abschrift eines Briefes von Paul Clemen an Aenne Liebreich vom 25.Juni 1929, in: SPSL MS 190/1.

5) Vgl. Abschriften der Briefe von Adolph Goldschmidt an Aenne Liebreich vom 3. August 1929 und von Karl Koetschau vom 9. September 1929, in: SPSL MS 190/1.

6) Vgl. Lebenslauf in: SPSL MS 190/1.

7) Ebd.

8) Abschrift des Zeugnisses von Arthur Haseloff vom 2. Juni 1933, in: SPSL MS 190/1.

9) Annemarie Güdesen, Das weltliche Kostüm im italienischen Trecento, Berlin und Leipzig 1933 (zugl. Phil.Diss. Kiel 1932). Güdesen wurde 1933 die Nachfolgerin von Liebreich.

10) Ernst Schlee in einem Brief an Lars Olof Larsson, KHI Kiel vom 2. November 1993. Brief bei der Verf. Vgl. zu Schlees Rolle in der Kulturpolitik der dreißiger Jahre in Schleswig Holstein Harm-Peer Zimmermann, Der Schlaf der Vernunft. Die Deutsche Volkskunde an der Kieler Universität 1933–1945, in: Hans-Werner Prahl (Hrsg.), Uni-Formierung des Geistes. Beiträge zur Geschichte der Kieler Universität 1933–45, Kiel 1994 (im Druck).

11) Vgl. Abschrift aus dem Gutachten für ein Stipendium bei der »Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft« für Forschungsarbeiten zu Claus Sluter vom 10. Dezember 1930, in: SPSL MS 190/1. und Abschrift aus einem Gutachten vom 6. Juni 1933, ebd.

12) Vor allem ist hier Henri David zu nennen, mit dem sie in den dreißiger Jahren gemeinsam veröffentlichte.

13) Aenne Liebreich, Reconstitution du Calvaire, in: Henri David und dies., Le Calvaire de Champmol et l'Art de Sluter, Paris 1933, S.23–49, Anm. 5, S.25–26. Liebreich dankt hier Reybekiel, Panofsky, und Saxl, »ainsi que Mlle Bing«. (Die Untersuchung wurde auch veröffentlicht in: Bulletin Monumental 92/1933, S.419–467.)

14) Lilli Martius geht in ihrer Autobiographie nur kurz auf Aenne Liebreich ein: »Ich erhielt, wie gesagt, in der gleichen Zeit [Jahreswende 1932/32] die Berechtigung, Kurse über Technik der Künste im Kunsthistorischen Institut zu halten. Meine Freude wurde aber zunächst dadurch beeinträchtigt, daß die von meiner Kollegin Dr. Änne Liebreich erwartete Genehmigung zur Habilitation sich nicht nur immer weiter verzögerte, sondern als unrealisierbar angesehen wurde.« Lilli Martius, Erlebtes den Verwandten und Freunden erzählt, Kiel 1970, S.100. Weder die Entlassung noch ihr weiteres Schicksal finden Erwähnung.

15) Abschrift eines Briefes von Karl Koetschau an Aenne Liebreich vom 16. Februar 1933, in: SPSL MS 190/1.

16) Vgl. Fragebogen in: SPSL MS 190/1.

17) Vgl. Ralph Uhlig, a.a.O.

18) Ernst Schlee a.a.O.

19) Abschrift des Zeugnisses von Henri Focillon vom 10. März 1936, in: SPSL MS 190/1.

20) Aenne Liebreich, Claus Sluter, Brüssel 1936.

21) Vgl. Actes des Journées Internationales Claus Sluter (Septembre 1990), Hrsg. Association Claus Sluter, Dijon 1992.

22) Vgl. etwa die Rezension von Ludwig Scheewe, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte 5/1936 (N.F. von Repertorium für Kunstwissenschaft), S. 348–349 sowie den Artikel von Marguerite Devigne über Sluter in: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler (Thieme-Becker), 31. Bd., Hrsg. Hans Vollmer, Leipzig 1937, S.144–150, die allerdings auch einigen Schlußfolgerungen explizit widerspricht. Scheewes Besprechung ist ein Beispiel dafür, daß die Forschungen der emigrierten Kolleginnen und Kollegen in Deutschland wahrgenommen wurden.

23) Vgl. 50 Jahre Habilitation von Frauen in Deutschland: eine Dokumentation über den Zeitraum 1920–1970. Bearb. v. Elisabeth Boedeker und Maria Meyer-Plath, Göttingen 1974, S. 3. Vgl. hierzu auch Anne Schlüter, »Wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe« – Diskriminierungen von Frauen in der Wissenschaft, in: Anne Schlüter und Annette Kuhn (Hrsg.), Lila Schwarzbuch: zur Diskriminierung von Frauen in der Wissenschaft, Düsseldorf 1986, S.10–33.

24) Vgl. Cordula Bischoff, Professorinnen der Kunstwissenschaft – Geschichte, Gegenwart und Zukunft, in: FrauenKunstWissenschaft, Heft 5/6, 1989, S.9–19, S.11.

25) Vgl. zu Sabine Gova Gabriele Hofner-Kulenkamp, a.a.O., Bd. 2, S.38–40 und zu Helen Rosenau S. 105–108.

26) Vgl. etwa Marianne Weber, Frauenfragen und Frauengedanken, Berlin 1919, S.5–6.

27) Wie Anm. 7.

28) Inwieweit ihre Akzeptanz sich aus der Tatsache erklärt, daß sie mit ihren Forschungen im Rahmen des etablierten Systems blieb – was zu hinterfragen ist – wird ein Thema des eingangs erwähnten Projektes sein.

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Termine

Ver/Kleidung in Un/Ordnung, Dress Codes und Körpernormen als Gegenstand ästhetischer Bildung

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Vortrag mit anschließendem Workshop und Diskussionsrunde mit Prof. Dr. Nanna Lüth (Universität der Künste, Berlin) am 21. November 2017 von 16 - 19 Uhr im Kunsthistorischen Institut, Westring 423, Kiel

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Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Öffentlicher Vortrag von Prof. Dr. Eva Sturm (Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg) am 15. Dezember 2017 von 14 bis 16 Uhr im Audimax, Hörsaal A, CAP2, 24118 Kiel (Im Rahmen des PerLe-Projektes Bild und Sprache – Sprache und Bild)

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Exkursion/Übung zu den Ausstellungen im Museum Kunst der Westküste, Alkersum/Föhr

ExkursionVom 16.-19. November 2017. Die Anmeldung erfolgt direkt bei Frau Lemke im Geschäftszimmer mit der Eintragung in die E-Mail-, und Referats-Liste sowie der Zahlung von 80 Euro für die Unterkunft in Ferienwohnungen in Alkersum (Verpflegung und Anreise werden von ihnen selbst organisiert).
Die Anreise bei Bahn oder per Auto bewerkstelligen Sie bitte selbst. Per Bahn 16.11. Kiel Anfahrt 8.03 Uhr – Wyk Ankunft 11.50 Uhr/ 19.11. Wyk Abfahrt 13.20 Uhr – Kiel Ankunft 16.57 Uhr. Weitere Informationen finden die im UnivIS.

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Save the Date: 26.01.2018 - 9.30 Uhr - 16.00 Uhr
Nähere Informationen folgen in Kürze.

"Hildesheim. Objekte und Eliten vom 11. bis zum 13. Jahrhundert."

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Es sind noch zwei Plätze frei!

Die Exkursion findet von Montag 16. bis zum 20. Oktober 2017 statt.
Anmeldungen  werden im Geschäftszimmer angenommen. Weitere Informationen finden Sie hier.

Veranstaltungshinweis für das Wintersemester

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Die Veranstaltungen von Herrn Lange beginnen krankheitsbedingt später im Semester. Das genaue Datum wird hier und per Aushang bekanntgegeben.

Freie Plätze im Hauptseminar

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Im Hauptseminar "Das Bildnis in der deutschen Malerei des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts" von Prof. Dr. Jobst sind noch Plätze frei. Anmeldungen bitte per E-Mail an jobst@kunstgeschichte.uni-kiel.de

Das Proseminar "Stillebenmalerei" ist vorläufig belegt.

Freie Plätze im Proseminar

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Im Proseminar " Fassungslos!? Zum Phänomen ungefasster/holzsichtiger/nichtpolychromierter Skulptur Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts (B1; KG-B1)" von Dr. von Ditfurth sind noch Plätze frei. Anmeldungen bitte per E-Mail an vonditfurth@kunstgeschichte.uni-kiel.de

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Verkürzte Öffnungszeiten der Fachbibliothek Kunstgeschichte
31. Juli bis 13. Oktober 2017
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