Architektonische Gliederung und bildkünstlerische Konfiguration


hubala
 
Von Frank Büttner

Die schwierige Zeit, die durch die schwere Erkrankung von Hans Tintelnot über das Institut hereingebrochen war, ging zu Ende, als zum Sommersemester 1969 Erich Hubala sein Amt als neuer Ordinarius für Kunstgeschichte antrat. Hubala, 1920 in Kremsier geboren, hatte sein Studium in Wien und Prag begonnen und es nach der tiefen Zäsur von Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft in München fortgesetzt, wo er 1951 mit der von Hans Jantzen betreuten Dissertation »Zierobelisken. Studien zur Architektur im 16. Jahrhundert« promoviert wurde. Nach einem kurzen Zwischenspiel an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen wurde er am Kunsthistorischen Institut der Münchner Universität Assistent von Hans Sedlmayr. Die Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit hatten in München auf den Gebieten der Architektur der Renaissance und des Barock in Italien und Deutschland und der zentraleuropäischen Barockmalerei gelegen (1). Mit der Untersuchung »Die Baukunst der italienischen Renaissance« habilitierte er sich im Wintersemester 1958/59. Leider wurde die Habilitationsschrift nie publiziert, doch ging der reiche Ertrag dieser Arbeit in den umfangreichen Band über Venedig ein, der erstmals 1965 in der Reihe Reclams Kunstführer erschien.

Hubala ging der Ruf voraus, ein strenger, ausgesprochen kritischer Dozent zu sein, der an seine Studenten höchste Anforderungen stellte. Das traf wohl zu, doch er war auch ein leidenschaftlicher Lehrer, der gerade dadurch, daß er keine methodische Ungenauigkeit und keine unüberlegte Begriffsbildung durchgehen ließ und das auch in langen Referatsbesprechungen begründete, alle, die bei ihm studierten, in einzigartiger Weise zu fördern verstand. Daß er seinen Platz an der Universität sah, zeigte er auch dadurch, daß er den Ruf nach Kiel dem anderen Ruf vorzog, die Direktion des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München zu übernehmen.

In Kiel wartete eine Fülle großer Aufgaben und schwieriger Entscheidungen auf ihn. Seine Vorgänger auf dem Kieler Lehrstuhl waren stets zugleich auch Direktoren der Kunsthalle gewesen. Er sah sehr genau, daß die Aufgaben am Institut und am Museum nur noch mit größten Schwierigkeiten zu vereinbaren sein würden. Die enorme Expansion der Universitäten und des Wissenschaftsbetriebes forderten ganz anderes als Kunsthalle und Kunstverein mit ihrer besonderen Ausrichtung auf die zunehmend unübersichtlichere Szene der aktuellen Kunst. Deshalb drängte Hubala auf eine Trennung der beiden Ämter, die dann auch zu Beginn des Jahres 1971 mit der Berufung von Jens Christian Jensen zum neuen Kunsthallendirektor vollzogen wurde.

Eine andere, ganz konkrete Aufgabe, die unmittelbar nach seiner Berufung anstand, war der Umzug des Institutes aus den verwinkelten Zimmern in der Dänischen Straße 15 in die nüchternen Räume über dem Physiologischen Institut. Der Verlust der heimeligen Atmosphäre, die in der »Institutswohnung« herrschte, wurde wenigstens teilweise wettgemacht durch die Vorteile, die die Rückkehr auf den Campus brachte, die Nähe zur Universitätsbibliothek und den Nachbarfächern. Die organisatorischen Probleme des Umzuges wurden gemeistert durch den Assistenten Dr. Schütz, den der neue Direktor aus München mitbrachte, und durch die neue Institutssekretärin Frau Langer, die Energie, Tatkraft, Gewissenhaftigkeit und alle anderen Vorzüge in sich vereinte und über zwei Jahrzehnte lang auch in schwierigsten Situationen Geschäftszimmer und Institut fest und sicher im Griff haben sollte. Der zweite Assistent – es war der Autor dieser Zeilen – der im Mai 1971 seinen Dienst auf einer neu eingerichteten Stelle antrat, fand ein wohlgeordnetes Institut vor, im dem alles seinen geregelten Gang nahm. Die Wogen der 68er-Bewegung, die das Institut ohnehin nur gelegentlich und ganz am Rande gestreift hatten, hatten sich gelegt. Die Diskussionsfreude war geblieben, und sie hat sich besonders in der Teeküche entfaltet. Dies war auch ein Ort, den die Photographin Frau Doose sehr schätzte, die an allen Fragen und Problemen der Studierenden Anteil nahm und schlesisch eingefärbt und, wenn es nötig war, auch recht deutlich ihren Rat gab.

Das Lehrprogramm, das Erich Hubala anbot, entsprach seinen Forschungsschwerpunkten. Zentrales Thema der ersten Semester war die Architektur der Renaissance und des Barock in Italien und Mitteleuropa, wobei das Problem der architektonischen Gliederung eine Art Leitmotiv war. Die ausgedehnten Exkursionen nach Böhmen und Österreich, die in diesem Zusammenhang 1971 und 1972 unternommen wurden, sind allen Beteiligten als ein eindruckvoller Höhepunkt dieses Themenschwerpunktes noch in lebhaftester Erinnerung. Exkursionen hatten für Erich Hubala immer einen besonders hohen Stellenwert, weil er in der intensiven Auseinandersetzung mit dem Original, in der eindringlichen Analyse des Anschaulichen den unerläßlich notwendigen Ausgangspunkt sah, von dem allein aus Kunsthistoriker zu einer adäquaten Deutung des einzelnen Werkes und darüber hinaus zu den nur mit klarer Begrifflichkeit zu fassenden allgemeinen und grundsätzlichen Problemen der Kunst vordringen können.

Der zweite Themenkomplex war das Werk von Rubens. Über den Münchner Kruzifix von Rubens hatte Erich Hubala schon 1967 eine Werkmonographie, ein beeindruckendes Beispiel seiner Art der Werkinterpretation, veröffentlicht. Jetzt widmete er dem Meister des flämischen Barock die Kieler Antrittsvorlesung und eine über zwei Semester ausgedehnte Vorlesung, der jeweils ein Hauptseminar angeschlossen war. Hier ging es immer wieder um die Probleme von Figurenerfindung und Bildform, um die Konfiguration als Mittel der Bilderzählung. Wie intensiv und extensiv zugleich die Beschäftigung mit dem Thema war, ist daran abzulesen, daß ein Assistent zum Kunsthistorischen Institut nach Hamburg geschickt wurde, um den dortigen Bestand an Dias auszuleihen. Unter der Last der Großdias von sämtlichen Rubens-Gemälden und Zeichnungen, einschließlich zahlloser Details, ist der Kleinwagen des Assistenten fast zusammengebrochen. Das dritte große Thema der Kieler Semester von Hubala war die Kunstgeschichte Venedigs, die er in einer dreisemestrigen Vorlesung behandelte.

Ein wichtiger Gegenstand war auch die Methodik des Faches, über die Hubala im Sommer 1970 eine Vorlesung hielt. Auch die Doktorandenkolloquien, die zumeist im Hause Hubala in der Von-der-Goltz-Allee stattfanden, waren der gründlichen Lektüre von wichtigen Neuerscheinungen zur Kunstgeschichtlichen Methodik gewidmet, wozu beispielsweise die Bücher von Kurt Badt und Lorenz Dittmann zählten. Der Kreis seiner Kieler Doktoranden war nicht sehr groß. Zunächst waren es solche, die schon in München bei ihm studiert hatten (und zum Teil auch dort promovierten, in Kiel also nur gastweise waren). Die Promotionen aus der Kieler »Hubala-Schule« setzten erst 1974 ein. Mit den Themen der Dissertationen – vier Arbeiten zu Rubens und eine zur venezianischen Barockmalerei – wurden mannigfaltige Anregungen aus Vorlesungen und Seminaren aufgegriffen. Ein Teil dieser Arbeiten wurde in der 1972 begründeten und von Erich Hubala herausgegebenen Reihe der »Kieler Kunsthistorischen Studien« publiziert (2).

Die Liste der Publikationen, die in der Kieler Zeit Erich Hubalas erschienen, ist vielfältig. An erster Stelle ist der Band über die »Kunst des 17. Jahrhunders« in der Propyläen Kunstgeschichte zu nennen. Hier wie in dem Band »Barock und Rokoko« der »Belser-Stilgeschichte« von 1971 gab Hubala eine komprimierte Gesamtschau der Kunst dieser Zeit, die jeder mit Gewinn lesen wird. Größere Aufsätze galten dem Werk von Rubens. Der wesentlichste Ertrag der intensiven Beschäftigung mit Rubens wurde allerdings erst einige Jahre später veröffentlicht, vor allem in einer breit angelegten Studie zu »Figurenerfindung und Bildform bei Rubens« (3).

Als dieser Band erschien, lehrte Erich Hubala schon seit geraumer Zeit an der Universität Würzburg. Er hatte im Herbst 1973 den Ruf auf den dortigen Lehrstuhl für Kunstgeschichte erhalten und ihn zum 1. April 1974 angenommen. Einer seiner Assistenten, der Autor dieser Zeilen, folgte ihm nach Würzburg. Der andere, Bernhard Schütz, blieb in Kiel und sorgte mit dafür, daß das Institut das neuerliche Interregnum überstand, ohne Schaden zu nehmen.


Anmerkungen

1) Eine Bibliographie der Schriften Erich Hubalas findet sich in: Intuition und Darstellung. Erich Hubala zum 24. März 1985, hrsg. von Frank Büttner und Christian Lenz, München 1985, S. 289–294.

2) Kieler Kunsthistorische Studien, herausgegeben von Erich Hubala. Kunsthistorisches Institut der Universität Kiel, erschienen im Lang-Verlag, Bern/Frankfurt a.M. Bd. 1: Kristina Herrmann-Fiore, Dürers Landschaftsaquarelle. Ihre kunstgeschichtliche Stellung und Eigenart als farbige Landschaftsbilder (1972); Bd. 2: Frank Büttner, Die Galleria Riccardiana in Florenz (1972); Bd. 3: Denis André Chevalley, Der große Tuilerienentwurf in der Überlieferung Ducerceaus (1973); Bd. 4: Bernhard Schütz, Die Wallfahrtskirche Maria Birnbaum und ihre beiden Baumeister (1974); Bd. 5: Gisela Vits, Joseph Effners Palais Preysing. Ein Beitrag zur Münchner Profanarchitektur des Spätbarock (1973); Bd. 5: Annegret Glang-Süberkrüb, Der Liebesgarten. Eine Untersuchung über die Bedeutung der Konfiguration für das Bildthema im späten Werk des Peter Paul Rubens (1975).

3) Figurenerfindung und Bildform bei Rubens, Beiträge zum Thema: Rubens als Erzähler, in: Rubens. Kunstgeschichtliche Beiträge, hrsg. von Erich Hubala, Konstanz 1979.

 

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