Ottonische Buchmalerei

Die Kölner Buchmalerei des 10. und 11. Jahrhunderts gehört zu den prägnantesten Gruppen mittelalterlicher Malerei ihrer Zeit. Eine sehr malerische Gestaltung, starke byzantinisierende Anklänge sowie eine besonders lineare Abstraktion und Formvereinfachung in den jüngeren Werken setzen die Gruppen deutlich von den Malereien in den südwestdeutschen Zentren wie der Reichenau und Sankt Gallens ab, unterscheiden sich aber kaum weniger von der Buchmalerei in Trier und Echternach, zu der direkte Bezüge bestehen. Seit der ersten Strukturierung der Gruppen in der Dissertation von Heinrich Ehl 1922 wird die Kölner Malerei kontrovers diskutiert.
Das große Corpuswerk, das Peter Bloch und Hermann Schnitzler 1967/70 vorgelegt haben, stellte das Material umfassend und in sehr vielen Aspekten diskutiert vor, fand aber bereits in einer Rezension von Carl Nordenfalk 1970 substantiellen Widerspruch. Seither haben unterschiedliche Autoren Kritik an den Datierungen und Strukturierungen durch Bloch/Schnitzler geübt, jedoch fehlt bisher eine erneute Diskussion auf breiter Grundlage. Hierfür sollen verschiedene Einzelprojekte zur Kölner Buchmalerei unter der Leitung von Professor Dr. Klaus Gereon Beuckers eine Grundlage bilden, die nicht nur die Handschriften selbst, sondern in verstärktem Maße auch die historischen Rahmenbedingungen zur Entstehungszeit sowie die historischen Veränderungen der Codices in den Blick nehmen.

Teilprojekt 1: Äbtissin Hitda und der Hitda-Codex. Forschungen zu einem Hauptwerk der ottonischen Kölner Buchmalerei

Äbtissin

 

Als Haupthandschrift der malerischen Hauptgruppe der Kölner Buchmalerei weist der Hitda-Codex (Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt, Hs. 1640) einen reichen christologischen Zyklus sowie die für Prachtevangeliare typische Ausstattung mit Kanontafeln, Evangelistenbilder und Initialzierseiten auf. Auf dem einleitenden Stifterbild überreicht Äbtissin Hitda den Codex an die Patronin des Frauenklosters St. Walburga in Meschede. Die Identifizierung von Hitda ist bisher nicht gelungen und wird kontrovers diskutiert. Am 30. Juni 2012 fand im Kunsthistorischen Institut der Christian-Albrechts-Universität Kiel eine Tagung zum Hitda-Codex statt, in der die aktuellen Positionen der Forschung zusammengetragen und diskutiert wurden. Die Vorträge sind 2013 in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erschienen:

 

 

Klaus Gereon Beuckers (Hg.): Äbtissin Hitda und der Hitda-Codex. Forschungen zu einem Hauptwerk der ottonischen Kölner Buchmalerei, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2013, ISBN 978-3-534-25379-1. 

 

Teilprojekt 2: Das Gerresheimer Evangeliar. Eine spätottonische Prachthandschrift als Geschichtsquelle

Cover Gerresheimer

 

Das Gerresheimer Evangeliar gehört zu den stilistisch eigenwilligsten Handschriften der im 10./11. Jahrhundert entstandenen ottonischen Kölner Buchmalerei. Etliche Nachträge von Urkunden, Schatzverzeichnissen, Eidesformeln und Gebeten weisen das Evangeliar als zeremonielle Haupthandschrift des ehemaligen Damenstiftes Gerresheim und damit als bedeutende Geschichtsquelle aus.
Auf einer Tagung, die am 17. Oktober 2015 in Düsseldorf-Gerresheim stattfand, wurden einerseits die neuen Ergebnisse zur Handschrift und ihrer Entstehungszeit aus einer kunsthistorischen Neubetrachtung, restauratorischen Untersuchungen und einer Diskussion der Paläographie zur Diskussion gestellt, wie auch erstmals alle Nachträge eigens vorgestellt und in ihren jeweiligen historischen Kontext eingeordnet. Dadurch ergaben sich erhebliche Rückschlüsse auf die Geschichte und wechselnde Nutzung des Evangeliars im Spätmittelalter, Barock und im 19. Jahrhundert, wie auch Bezüge zur Kirchenausstattung und Visitationsvorgaben bei der Barockisierung.
Die Vorträge wurden 2016 in einem Band im Böhlau-Verlag veröffentlicht, der auch sämtliche ausgestaltete Seiten des Evangeliars im Farbdruck enthält:

Klaus Gereon Beuckers, Beate Johlen-Budnik (Hg.): Das Gerresheimer Evangeliar. Eine spätottonische Prachthandschrift als Geschichtsquelle (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 1), Böhlau-Verlag: Köln 2016, ISBN 978-3-412-50392-5.

 

Teilprojekt 3: Das Sakramentar aus Tyniec im historischen Kontext. Köln, das Reich und der politische Neuanfang unter Kasimir dem Erneuerer (1016-1058)

 

1031 brach die unter Miesko I. (amt. 963-992), Boleslaus dem Tapferen (amt. 992-1025) und Miesko II. (amt. 1025-1034) in Anlehnung an die ottonischen Herrscher aufgebaute, im Jahre 1000 durch die Vereinbarung von Gnesen manifestierte Herrschaft und Christianisierung des Herzogtums bzw. Königtums von Polen in Wirren zusammen, die aus einem vom Reich unterstützten Aufstand der von der Herrschaft ausgeschlossenen Boleslaus-Söhne, Bezprim und Otto, resultierte. Miesko II. konnte seine Herrschaft nur sehr eingeschränkt und unter Verzicht auf den Königstitel seines Vaters wahren. Nach seinem Tod 1034 verließ Mieskos Witwe Richeza mit ihren Kindern das Land und kehrte in ihre Heimat Köln zurück. Von hier aus betrieb sie mit Unterstützung ihres Bruders, des Kölner Erzbischofs Hermann II. (amt. 1039-1056), und König Heinrich III. (amt. 1039-1056) die Rückgewinnung der Herrschaft für ihren Sohn Kasimir (verst. 1058). Dieser kehrte 1041 mit Kölner und kaiserlichen Truppen nach Polen zurück und baute seine Herrschaft um Krakau herum auf. Unweit der Stadt gründete er 1044 unter der Leitung des aus Köln geholten Abtes Aaron das Benediktinerkloster Tyniec, bevor er mit der Errichtung des Bistums Krakau die kirchliche Struktur Polens neu begründete. Das Bistum übernahm vermutlich schon 1046 nach angelsächsischem Vorbild einer Union von Bischofs- und Abtsamt ebenfalls Aaron, der in Köln von Hermann II. zum Erzbischof ernannt und vermutlich auch geweiht worden war.

Die Geschehnisse in Polen in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts sind eng mit der Politik des Reiches unter den Ottonenkaisern Otto III. und Heinrich II. sowie den Saliern Konrad II. und Heinrich III. verbunden und wurden so historisch auch bereits wahrgenommen. Weniger im Fokus stand bisher die offenbar zentrale Rolle von Hermann II. und Aaron in diesem Zusammenhang. Auf diese lässt sich durch das in Köln gefertigte Pracht-Sakramentar aus Tyniec, das sich heute in Warschau befindet, ein neuer Blick werfen. Galt diese Handschrift über Jahrzehnte seit der grundlegenden Bearbeitung der Kölner ottonischen Buchmalerei durch Peter Bloch und Hermann Schnitzler (1967/70) als erst in den 1070/80er Jahren entstanden, so gibt es mehrere Hinweise, die diese Datierung deutlich nach vorne korrigieren. Kunsthistorische Fragestellungen zum Sakramentar selbst und der Strengen Gruppe der Kölner Buchmalerei, der historisch-politische Hintergrund sowie die Bezüge zwischen Köln und Krakau zur Zeit Kasmir des Erneuerers waren Gegenstand einer internationalen Tagung, die in Zusammenarbeit mit dem Historischen Seminar der CAU vom 29. Juni bis zum 2. Juli 2017 in Kiel stattfand. Die zahlreichen neuen Ergebnisse wurden 2018 in einem von Andreas Bihrer und Klaus Gereon Beuckers herausgegebenen Band im Böhlau-Verlag veröffentlicht, der auch sämtliche ausgestaltete Seiten des Sakramentars im Farbdruck enthält.

Klaus Gereon Beuckers, Andras Bihrer (Hg.) unter Mitarbeit von Ursula Prinz: Das Sakramentar aus Tyniec. Eine Prachthandschrift des 11. Jahrhunderts und die Beziehungen zwischen Köln und Polen in der Zeit Kasimirs des Erneuerers (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 3), Böhlau-Verlag: Köln 2018, ISBN 978-3-412-51182-1.

Teilprojekt 4: Das Evangeliar aus St. Maria ad Gradus. Ein Meisterwerk der Kölner Buchmalerei des 11. Jahrhunderts (Diözesanbibliothek Köln, Hs. 1001a)

 

Das ursprünglich aus der Stiftskirche St. Maria ad Gradus vor dem Kölner Domchor stammende Evangeliar aus dem Kölner Priesterseminar leitet in der Kölner Buchmalerei unter Erzbischof Pilgrim (amt. 1021-1036) einen Neuanfang ein, nachdem die reiche Produktion der Malerischen Gruppe bereits um die Jahrtausendwende ausgelaufen und in der sehr heterogenen Malerischen Sondergruppe Anfang der 1020er Jahre eine Neugründung des Skriptoriums erfolgt war. Während der dendrochronologisch um 1030 abgesicherten Entstehung des Evangelias aus St. Maria ad Gradus oder kruz vorher hatten Maler der Reichenauer Tradition in Köln den Hillinus-Codex hergestellt, der jetzt parallel zum Mariengradener Evangeliar von den gleichen Kölner Händen vollendet wurde, die auch das Evangeliar und die gesamte Reiche Gruppe prägten. Das erste Prachtevangeliar, in dem die Auseinandersetzung mit Kölner und süddeutschen Traditionen unmittelbar greifbar wird, ist das Evangeliar des Priesterseminars. An seine Neufindungen und Systematisierungen knüpften wenig später die Zierseiten des Evangeliars in der Pierpont Morgan Library in New York und das Bamberger Evangeliar in der dortigen Staatsbibliothek an.

Das Teilprojekt erforschte in Zusammenarbeit mit der Kölner Diözesan- und Dombibliothek (Dr. Harald Horst) sowie der Technischen Hochschule Köln (Dr. Doris Oltrogge) die Handschrift. Die Ergebnisse sind als Kunstbuch-Monographie mit einigen Faksimileblättern 2018 im Quaternio-Verlag Luzern erschienen.

Klaus Gereon Beuckers: Das Prachtevangeliar aus Mariengraden. Ein Meisterwerk der salischen Buchmalerei. Die Handschrift Cod. 1001a der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek Köln, Quaternio Verlag: Luzern 2018, ISBN 978-3-905924-61-9.

Teilprojekt 5: Das Lyskirchen-Evangeliar

 

Das Lyskirchen-Evangeliar, das ursprünglich aus der Stiftskirche St. Georg in Köln stammt, ist die jüngste Prachthandschrift der Kölner Buchmalerei des 10./11. Jahrhunderts. Von peter Bloch und Hermann Schnitzler wurde sie aufgrund ihrer bildnerischen Ausstattung als "Nachzügler" im 12. Jahrhundert bezeichnet, bis Anton von Euw nachweisen konnte, dass es sich um ein Evangeliar aus der Strengen Gruppe der Kölner Malerei handelt, das später bildlich ausgestattet wurde. In den Codex wurden im Spätmittelalter sehr viele verschiedene Nachträge eingefügt, die seine postliturgische Nutzung belegen. Diese spätere Nutzung von Evangeliaren, deren Lesefunktion seit dem 12./13. Jahrhundert weitgehend durch Missale übernommen wurde, stand im Mittelpunkt einer Untersuchung der Handschrift, wie dies methodisch bereits für das Gerresheimer Evangeliar entworfen worden war (Teilprojekt 2). Hinzu kamen Forschungen zum mittelalterlichen Einband, der malerischen Ausstattung und Ornamentik sowie zur Stellung innerhalb der Kölner Handschriftenproduktion. Der Sammelband, der auch sämtliche ausgestaltete Seiten des Evangeliars im Farbdruck enthält, entstand in Zusammenarbeit mit Anna Pawlik von der Kirchlichen Denkmalpflege im Erzbistum Köln und wurde 2019 im Böhlau-Verlag veröffentlicht.

Klaus Gereon Beuckers, Anna Pawlik (Hg.): Das Jüngere Evangeliar aus St. Georg in Köln. Untersuchungen zum Lyskirchen-Evangeliar (Forschungen zu Kunst, Geschichte und Literatur des Mittelalters, Bd. 5), Böhlau-Verlag: Köln 2019, ISBN 978-3-412-51581-1.

Weitere Forschungen des Gesamtprojekts

Aus dem Projekt heraus sind weitere Forschungen zur Kölner Buchmalerei des 10./11. Jahrhunderts entstanden:

Klaus Gereon Beuckers: Das Gundold-Evangeliar in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Bemerkungen zu einem Kölner Prachtcodex des 10./11. Jahrhunderts, in: Philologia sanat. Studien für Hans-Albrecht Koch zum 70. Geburtstag, hg. v. Gabriella Rovagnati und Peter Sprengel, Frankfurt am Main 2016, S. 41–65.
Klaus Gereon Beuckers: Zur Verwendung von Evangeliaren des Früh- und Hochmittelalters anhand von Beispielen aus Essen und anderen Frauenstiften, in: Fragen, Perspektiven und Aspekte der Erforschung mittelalterlicher Frauenstifte, hg. v. Klaus Gereon Beuckers und Thomas Schilp (Essener Forschungen zum Frauenstift, Bd. 15), Essen 2018, S. 67–110.
Klaus Gereon Beuckers: Zum Typus der Kölner Kanontafeln im 10./11. Jahrhundert und ihren Vorbildern. Am Beispiel des Evangeliars aus St. Maria ad Gradus (Diözesanblibliothek Köln Hs. 1001a), in: Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek. Siebtes Symposion November 2016, hg. v. Harald Horst (Libelli Rhenani. Schriften der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek zur rheinischen Kirchen- und Landesgeschichte sowie zur Buch- und Bibliotheksgeschichte, Bd. 70), Köln 2018, S. 15–62.
Ursula Prinz: Die Ornamentik der ottonischen Kölner Buchmalerei. Studien zum Rankenfüllwerk (Libelli Rhenani. Schriften der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek zur rheinischen Kirchen- und Landesgeschichte sowie zur Buch- und Bibliotheksgeschichte, Bd. 71), Köln 2018.
Ursula Prinz: Die älteste ottonische Prachthandschrift. Überlegungen zur malerischen Ausstattung des Everger-Epistolars (Cod. 143) unter besonderer Berücksichtigung der Ornamentik, in: Mittelalterliche Handschriften der Kölner Dombibliothek. Achtes Symposion der Diözesan- und Dombibliothek zu den Dom-Manuskripten, hg. v. Harald Horst (Libelli Rhenani. Schriften der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek zur rheinischen Kirchen- und Landesgeschichte sowie zur Buch- und Bibliotheksgeschichte, Bd. 73), Köln 2018, S. 153–205.