Licht, Luft und eine neue Pädagogik. Die Kieler Pavillonschulen und der Schulbau zwischen den 1920er und 1950er Jahren

Licht, Luft, eine flexible Tauglichkeit für innovative pädagogische Konzepte und eine moderne Architektursprache waren die Grundideen für die Entwürfe einer Schularchitektur unter Stadtbaurat Rudolf Schroeder (1897-1965) in der zerstörten Stadt Kiel nach dem Zweiten Weltkrieg. Dafür wählte er den Bautypus der Pavillonschulen, bei denen durch offene Laubengänge verbundene Klassenräume mit mindestens zweiseitiger Befensterung zur Querlüftung und guten Belichtung innen zusammen mit einem jeweils zugehörigen Freiluftklassenbereich außen inmitten einer grünen Gesamtgestaltung der Schulflächen mit Pausenhöfen und Kleingärten erbaut wurden. Die innerstädtischen Kieler Bauten waren Oasen der Bildung und damals europaweit beachtet. Der Typus der Pavillon- und Freiluftschulen ist um 1900 aus den Hygieneanforderungen zur Eindämmung von Tuberkulose entstanden und zwischen den Weltkriegen in Prototypen zum innerstädtischen Schulbautypus weiterentwickelt worden. Die pädagogische Variabilität, die ganz den Idealen der Reformpädagogik folgte, die starke Begrünung der Schulanlagen und die Modernität der Klassenräume, in denen man Alternativen zum Frontalunterricht beispielsweise durch flexibles Mobiliar und Drehstühle ermöglichte, etablierte die Pavillonschulen in den 1950er Jahren weltweit als ideale Lernorte.

In Kiel wurden unter Baurat Schroeder mehr als zwanzig solche Schulen erbaut - und sind als singuläres Gesamtensemble weitgehend noch erhalten. Dank der Konsequenz Schroeders und seiner pädagogischen Ratgeber erhielt Kiel in zwar technisch unterschiedlicher Umsetzung, aber inhaltlich homogen den größten Bestand innerstädtischer Pavillonschulen weltweit; ein städtisches Kulturerbe ersten Ranges von überregionaler Bedeutung. Die Schroeder-Schulen sind dabei architekturgeschichtlich in eine Verbreitung von Pavillonschulen in ganz Europa, darüber hinaus aber insbesondere auch den USA eingebettet.

Das Kunsthistorische Institut widmet sich mit seinem Lehrstuhl und seiner Kunstdidaktik zusammen mit dem Baltic Region Heritage Committee und dem BDA Schleswig-Holstein in einem mehrteiligen Projekt den Schroeder-Schulen und der ihnen zugrundeliegenden Pädagogik.[Flyer] Anlass ist das 70. Jubiläum des Kieler-Woche-Gesprächs 1952, einer mehrtägigen Diskussionsveranstaltung mit begleitender Ausstellung, auf der Schroeder seine Schulbauplanungen Architekten und Pädagogen vorstellte und die Konzepte ausführlich erörtert wurden. Die Resonanz darauf bis in internationale Fachorgane hinein war riesig.

Vom 7. bis 9. Mai 2021 wird eine internationale, öffentliche Tagung dem bauhistorischen und pädagogischen Stellenwert der Schroeder-Schulen im Kontext des Schulbaus zwischen den Weltkriegen und in den 1950/60er Jahren nachgehen. Dabei werden neben den Kieler Bauten verwandte Lösungen Frankreichs, der Schweiz, Dänemarks, der USA und verschiedener Regionen Deutschlands diskutiert werden. [Programm] Flankiert wird die Tagung durch eine Lehrveranstaltung am Kunsthistorischen Institut zu den Schroeder-Schulen. Die Tagung wird online stattfinden, der betreffende Zugangslink zeitnah über die Homepages des Kunsthistorischen Instituts und des BDA veröffentlicht.

Vom 23. August bis 12. September 2021 wird sich ein Workshop des BDA zusammen mit Studierenden der Fachhochschule Kiel mit den Möglichkeiten einer Anpassung des Bestandes unter Berücksichtigung denkmalpflegerischer Leitprinzipien und aktueller pädagogischer Konzepte beschäftigen. [Flyer]

Zur Kieler Woche 2022 werden zum 70. Jubiläum der Kieler Schulbautagung 1952 die Ergebnisse der kunsthistorischen Tagung 2021 und des Workshops 2021 in einer Ausstellung sowie einer Verlagspublikation präsentiert und durch ein Veranstaltungsprogramm aus Vorträgen und Diskussionen der historische, pädagogische und denkmalpflegerische Wert dieses Kulturerbensembles einem interessierten Publikum zugänglich gemacht.