Historizität vs. Modernität. Die romanischen Emailarbeiten aus Hildesheim und ihre Verwendung Zur Historizität der ottonischen Goldschmiedekunst in Hildesheim

Am 1. August 2015 starteten die beiden Teilprojekte zur ottonischen Goldschmiedekunst und den romanischen Emails aus Hildesheim. Sie sind Teilprojekte des vom BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) geförderten Verbundprojektes „Innovation und Tradition. Objekte und Eliten in Hildesheim, 1130-1250“, in dem in Kooperation mit dem Dommuseum Hildesheim sowie den Universitäten Osnabrück, Bonn und Düsseldorf von Kunsthistorikern und Historikern die objektbezogenen Zusammenhänge zwischen bildender Kunst und gesellschaftlichem Kontext im Hochmittelalter am Beispiel der Stadt Hildesheim erforscht werden.

Teilprojekt 1: Historizität vs. Modernität: Die romanischen Emailarbeiten aus Hildesheim und ihre Verwendung

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Projektleitung: Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers, Bearbeiterin: Dr. Dorothee Kemper

Seit 1985 zählen die umfangreichen Hildesheimer Goldschmiedearbeiten des 11. bis 13. Jahrhunderts gemeinsam mit Dom und St. Michaelis zum UNESCO-Weltkulturerbe; Grundlage hierfür ist ihre exemplarisch vollständige Materialüberlieferung. Zwar liegt mit dem ausführlichsten erhaltenen mittelalterlichen Rezeptbuch für Goldschmiedetechniken, der „Schedula diversarum artium“ ein Werk vor, das technologisch enge Verflechtung mit den Hildesheimer Goldschmiedeobjekten aufweist; Schriftzeugnisse oder archäologische Evidenz zu den Hildesheimer Goldschmiedeobjekten oder Werkstätten sind jedoch kaum überliefert. Dokumentiert wird die Emailproduktion in Hildesheim fast ausschließlich durch die erhaltenen Objekte selbst, die – so die These – auf den ergiebigen, nahegelegenen Kupferbergwerken bei Goslar basieren. Hier liegen mit Arbeiten von Otto von Falke (1904, 1930), der Dissertation von Michael Brandt (1987), dem Hildesheimer Ausstellungskatalog „Abglanz des Himmels“ (2001) und diversen kleineren Beiträgen Vorarbeiten für eine Erfassung und kunsthistorische Kontextuierung der Emailproduktion in Hildesheim und Umgebung vor. Arbeitsgrundlage ist zunächst eine systematische Katalogisierung der an verschiedenen Orten verwahrten Emailwerke des 12. und frühen 13. Jahrhunderts, die traditionell Hildesheim bzw. dem Hildesheimer Umfeld zugeschrieben werden. Grundlegend hierfür sind die materielle Erfassung (Maße, Formen, Farbspektrum, Technik, Motivik) und die analytische Kontextualisierung dieser Emails. Hierbei wird ihre ästhetische Funktion – als Träger figürlicher Programme oder als Zierelement – im Zusammenhang mit anderen Ornamentformen wie Filigran und Edelsteinbesatz unter anderem hinsichtlich der farblichen, motivischen und materiellen Einbettung analysiert. Die materielle und kontextuelle Erfassung wird zusammen mit einem Verzeichnis der Forschungsliteratur zu jedem einzelnen Email open access im Internet projektparallel präsentiert.
Außerdem wird die Determinierung des Erscheinungsbildes der Emails sowohl hinsichtlich stilistisch-motivischer, als auch ikonographischer Einflüsse untersucht: hierzu gehört, soweit methodisch vertretbar, die Frage nach ihrem Historizitätskonzept, also einer ggf. intendierten Orientierung an ottonischen Formen, bzw. einem dezidierten Modernismus in Motivik und technischer Ausführung, aber auch nach ihren ästhetisch relevanten Einsatzmodi an komplexen Goldschmiedewerken, ihrem Verhältnis zur maasländischen, kölnischen und limousiner Emailproduktion, nach den Bildungsvoraussetzungen und ökonomischen Verflechtungen der Auftraggeber sowie den ausführenden Künstlern.
Die weit verstreuten Stücke sollen nach Möglichkeit einer Autopsie und technischen Analysen unterzogen werden, um Auskunft über Herstellungsprozess, über die bisher fast ausschließlich auf stilistischer Basis angenommene Lokalisierung und ihr Verhältnis zu anderen Werkzentren (Lüttich, Köln und Limoges) zu erzielen. Damit wird über den interdisziplinär ausgerichteten Projektrahmen und die Hildesheimer Verflechtung hinaus eine Kontextuierung in die romanische Emailproduktion insgesamt in motivischer, programmatischer und technischer Hinsicht erarbeitet.

Teilprojekt 2: Zur Historizität der ottonischen Goldschmiedekunst in Hildesheim

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Leitung und Bearbeitung: Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers

Das Projekt untersucht die mit den Bischöfen Bernward (993–1022) und Godehard (1022–1038) verbundenen Schatzobjekte auf ihre Überlieferung und Modifizierung bzw. ihre Umstrukturierungen in den Jahrzehnten nach der Heiligsprechung der beiden Bischöfe im 12. Jahrhundert. Dabei geht es um die Frage, inwiefern die Kunstwerke als hagiographische Objekte neu codiert werden und dies in ihren Umgestaltungen Ausdruck findet. Insbesondere stellt sich die Frage, inwiefern die Umgestaltungsmaßnahmen Anschluss an die ottonischen Formen und Motive suchten, sie aufgriffen und/oder als authentische Zeugnisse des Heiligen und seiner Zeit inszenieren. Methodisch wird dabei eine Relation zwischen Form und Stil der ottonischen und der romanischen Werke im Sinne einer zeichenhaften Adaption herausgearbeitet, die als Korrektiv zu einer auf Sukzession angelegten Stilgeschichte verstanden werden soll und Stile sowie Motive als intentional wählbare Elemente charakterisiert. Dies erfolgt durch eine dezidierte Formanalyse und deren Kontextuierung im Verhältnis zum Formenschatz vergleichbarer Stücke.

 

 

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