Wolfgang J. Müller (1913–1992)

Die Sprache der Bilder

 
Von Frank Büttner

muellerFünfundvierzig Jahre, fast ein halbes Jahrhundert lang war Wolfgang J. Müller an der Christian-Albrechts-Universität tätig. Die Geschichte des Kunsthistorischen Institutes seit dem Kriege ist untrennbar mit seinem Leben und Wirken verbunden. 1913 in Rostock geboren, hatte Wolfgang J. Müller von 1932 an in seiner Heimatstadt und dann in München bei Wilhelm Pinder Kunstgeschichte studiert und promovierte in Rostock bei Richard Sedlmaier im Juli 1939, einen Monat vor Beginn des Zweiten Weltkrieges. Nicht die Arbeit für das Fach, dem er sich verschrieben hatte, folgte, sondern Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft. Beides überstand er glücklich und wurde im Herbst 1946 von seinem Lehrer Sedlmaier, der inzwischen nach Kiel berufen worden war, als Assistent an das Kunsthistorische Institut geholt. Er kam in einer Situation, von deren Schwierigkeiten wir uns heute kaum noch eine rechte Vorstellung machen können. Mit einer Energie, die offensichtlich gar nicht zu bändigen war, wirkte er zusammen mit Lilli Martius, der Kustodin der Kunsthalle, für den Wiederaufbau des Kunsthistorischen Institutes. Die Schwierigkeiten müssen ihn geradezu beflügelt haben, denn trotz der großen Not und trotz der vielfältigen Aufgaben im Institut arbeitete er zielstrebig an seiner Habilitationschrift, die er bereits 1950 vorlegte, nach kaum mehr als dreijähriger Tätigkeit in Kiel. Nach der Habilition blieb er zunächst auf der Assistentenstelle. Erst 1956 wurde ihm eine besoldete Dozentur übertragen und 1962 erfolgte die Ernennung zum Wissenschaftlichen Rat und Professor. Auf dieser Stelle blieb er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1979. Seine Lehrtätigkeit hat er auch danach mit gewohnter Energie und Regelmäßigkeit fortgesetzt, bis seine Gesundheit es nicht mehr zuließ. Er starb am 7. Juni 1992 in Kiel.

Die Themen seiner wissenschaftlichen Arbeit sind breit gestreut, weisen aber doch deutliche Schwerpunkte auf (1). Hier ist an erster Stelle die Kunst Schleswig-Holsteins zu nennen. Schon in seiner Dissertation »Mittelalterliche Backsteinornamentik in Mecklenburg 1200–1300«, die leider nie gedruckt und doch immer wieder herangezogen und zitiert wurde, war er ausführlich auf die lübische Architektur eingegangen (2). Der Bogen der Themen, die er dann in zahlreichen Aufsätzen bearbeitete, spannt sich von der Architekturgeschichte über die Geschichte der bildenden Künste zum Kunstgewerbe. Neben Aufsätzen über die Lübecker Marienkirche, den Schleswiger Dom oder Schloß Glücksburg findet man Arbeiten zur Schnitzkunst der Spätgotik und des Barock, Deutungen von barocken Bildern und Bilderfolgen, wie auch Beiträge über Fayencen des 18. Jahrhunderts. Auch die Kunst der Gegenwart kam dabei nicht zu kurz. Besonders zur modernen Handzeichnung und Graphik hat er sich bei verschiedensten Gelegenheiten geäußert.

Einen weiteren Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit hatte Wolfgang J. Müller mit seiner Habilitationsschrift gesetzt, die 1956 unter dem Titel »Georg Flegel und die Anfänge des Stillebens« im Druck erschien und bis heute als eines der fundiertesten Werke zur Stillebenmalerei des Barock gilt. Dieses Arbeitsgebiet, das für ihn immer zentral blieb, hat er in der Folgezeit konsequent und systematisch ausgeweitet, wie seine Arbeiten zur deutschen und niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts zeigen. Sein besonderes Interesse galt dabei der Emblematik und der durch sie eröffneten Möglichkeit zur Deutung von Bildinhalten. Sein Aufsatz über das Siegel der Christian-Albrechts-Universität und seine Beiträge zum Katalog der Ausstellung »Sprache der Bilder«, die 1978 in Braunschweig gezeigt wurde, sind hier vor allem zu nennen.

Die Themenbereiche, derer er sich in seinen Lehrveranstaltungen annahm, führten weit über seinen eigentlichen Forschungsbereich hinaus und haben kaum ein Gebiet der Kunstgeschichte ausgelassen. Frankreich, Italien, die Niederlande, Deutschland und selbst Rußland sind genauso vertreten wie alle Gattungen der Kunst, auch wenn natürlich hier die deutsche und niederländische Kunst in Renaissance und Barock eine besondere Rolle spielten.

Als Lehrer und Vortragender hatte er einen ganz eigenen Stil ausgebildet. Mit einer lebendigen Sprache, die durchsetzt war von eigenwilligen, originellen und ungemein prägnanten Wortschöpfungen, wußte er seinen Hörern die Kunstwerke eindringlich nah zu bringen. Noch wichtiger aber als die rein sprachliche Vermittlung war ihm der unmittelbare Kontakt zum Kunstwerk. Im Umgang mit dem Original versuchte er seine Studenten zur richtigen Einstellung zum Kunstwerk zu führen. Mit nie erlahmender Begeisterung hat er bis in seine hohes Alter hinein Exkursionen geleitet, auf denen er Generationen von Studenten mit der Kunst des Landes vertraut machte. Größere Exkursionen führten immer wieder nach Holland, aber auch Italien, Frankreich und Dänemark sind auf der Liste seiner Exkursionsziele zu finden.

Seine besondere Liebe galt der Druckgraphik. Keiner kannte die verborgenen Schätze in der Kieler Graphischen Sammlung so gut wie er, und so oft es nur ging, hat er seine Seminare vor den Originalen in der Kunsthalle gehalten. Sehr genau kann ich mich noch an mein erstes Semester in Kiel im Sommer 1964 erinnern. »Pieter Bruegel und seine Zeit« lautete der Titel der ersten Vorlesung, die ich bei Professor Müller hörte und die mich in Bilderwelten einführte, die für mich neu und faszinierend waren. Der Eindruck war deswegen so nachhaltig, weil er durch eine Übung in der Kunsthalle verstärkt wurde, in der wir, eine kleine Gruppe von 6 oder 8 Studierenden, die niederländische Graphik der Zeit kennenlernten. Die allegorischen Welten eines Bruegel, die Illustrationszyklen nach Heemskerck oder Maerten de Vos, die vielfältigen Formen der aufkeimenden Landschaftsdarstellung wurden uns an Hand von Originalen nahegebracht. Das Verständnis für die Graphik führte uns zum Verständnis der Kunstgeschichte dieser Epoche. Dabei war die Arbeit im Seminar nicht einfach, denn die Graphik war ein von unserem Fach recht vernachlässigtes Gebiet, über das es damals, von Bruegel einmal abgesehen, kaum Literatur gab. Das intensive Schauen, das »Hineinsehen« mußte das Geführtwerden durch die Sekundärliteratur ersetzen. Das aber erwies sich im Nachherein auch wieder als ein Vorteil, weil es anleitete, die genaue Betrachtung vor das Lesen zu setzen.

Im folgenden Semester war die niederländische Kunst um 1600 das Thema der Vorlesung und in der Übung wurden wir in einen Bereich eingeführt, der für uns alle damals völlig neu war: die Emblematik. Diese Übung fand in der Wohnung von Professor Müller im Prof.-Anschütz-Haus statt, aus dem einfachen Grunde, weil seine eigene Sammlung von Emblembüchern das beste Anschauungsmaterial für diese Übung bot. Seit Jahren schon hatte Wolfgang J. Müller Emblembücher gesammelt und sich so dieses Gebiet ganz zueigen gemacht, das Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte damals erst neu für sich entdeckt hatten. An verschiedensten Gegenständen, dem Siegel der Universität, dem Wandfresko im Herrenhaus von Roest und an den Emporenbildern von Katarinenheerd, führte er uns vor, wie mit der Emblematik die Sprache der Bilder des Barock, die uns heute fremd geworden ist, entschlüsselt werden kann.

Es war jedoch nicht nur das rationale Verstehen, das diese Übungsstunden zu einem wegweisenden Erlebnis werden ließ. Die Begeisterung unseres Lehrers, sein geradezu liebevolles Vergnügen an Inhalt und Gestaltung dieser Bücher, beeindruckte nachhaltig. Diese Begeisterung war es auch, die Wolfgang J. Müller zum Sammler hatte werden lassen. Nicht das Wohlbekannte, das glänzend prächtig oder anspruchsvolle auftretende Kunstwerk zog ihn an, sondern das wenig Bekannte, Unscheinbare, aber keineswegs Unbedeutende. Schon während seiner Studienzeit in München hatte er angefangen zu sammeln, nicht systamatisch und nicht mit hohem Anspruch, sondern ganz seiner persönlichen Vorliebe folgend, und die galt vor allem den Emblembüchern und der Graphik des 16. und 17. Jahrhunderts. So ist im Laufe der Jahre eine beachtenswerte Sammlung zusammengekommen, die rund 50 Emblembücher und weit über 500 graphische Blätter umfaßt. Die Graphiksammlung, die er zusammengetragen hat, hat ihren eindeutigen Schwerpunkt in der Landschaftsgraphik des 17. Jahrhunderts, wie sie in den Niederlanden und in Deutschland gepflegt wurde. Die Entwicklung dieser Kunst der Naturdarstellung konnte er mit den Blättern seiner Sammlung fast lückenlos dokumentieren, wie die Ausstellung bezeugt, die 1979 in Bielefeld und an verschiedenen anderen Orten gezeigt wurde (3). In der Liste der Emblembücher finden sich alle wichtigen Autoren dieser Gattung, nicht in Erstausgaben, aber oft in schönen späteren Drucken: er sammelte nicht als ein Bibliophiler, dem es nur auf das Erscheinungsjahr und den schönen Einband ankommt, sondern er sammelte, weil ihn der Inhalt interessierte und erfreute, oder weil er es für historisch wichtig und lehrreich ansah: die Nutzanwendung in der Lehre und in seiner Forschung war ein keineswegs nebensächliches Motiv seines Sammelns. Immer wieder hat er in Zusammenhang mit einer Vorlesung oder Übung in dem etwas tristen Korridor des Institutes Blätter seiner Sammlung ausgestellt, wo sie mit ihrer ausführlichen Beschriftungen Belehrung und Augenlust für alle waren.

Die Förderung der Studierenden, bei denen er echte Begeisterung für ihr Fach verspürte, lag ihm besonders am Herzen. Über dreißig Jahre lang hat er sich als Mitglied der Auswahlkommission und als Vertrauensdozent der Studienstiftung des deutschen Volkes für die Begabtenförderung eingesetzt. Jeder konnte zu ihm kommen, um im persönlichen Gespräch Rat zu suchen, und er wurde gefördert, wo es nur ging. Die Selbstlosigkeit, mit der er sich für »seine« Studenten einsetzte, ging weit hinaus über das, was zu erwarten war. So geschah es zu wiederholten Malen, daß Studenten, die in finanziellen Schwierigkeiten waren und deswegen an einer Exkursion nicht teilnehmen konnten, eine Unterstützung vom Studentenwerk erhielten, wie sie glaubten, durch seine Vermittlung, doch es war Geld, was er vorher selbst dort eingezahlt hatte.

Bei diesem großen Engagement für die Lehre mag es erstaunlich erscheinen, daß Wolfgang J. Müller erst relativ spät, nämlich 1963, seinen ersten Doktoranden zur Promotion führte. Doch dies ist nur ein Spiegel der Situation an dem kleinen Institut in den fünfziger Jahren. Die Stellung des Ordinarius war offensichtlich so dominant, daß es wie selbstverständlich war, bei ihm zu promovieren. Die Themen der dreizehn bei Wolfgang J. Müller entstandenen Doktorarbeiten entstammen weitgehend dem Bereich der niederländischen und der schleswig-holsteinischen Kunstgeschichte, also aus jenen Gebieten, die in auch seiner eigenen Forschung im Mittelpunkt standen.

Die Bibliothek des Institutes hatte Wolfgang J. Müller immer besonders am Herzen gelegen. Als Assistent war er nicht nur für die Anschaffungen zuständig, sondern für alles, was mit der Bibliothek zusammenhing, wie unter anderem noch die zahlreichen Bücher bezeugen, die von ihm geschriebene Rückenschilder tragen. Es gab wenig, was so seinen Zorn erregen konnte, wie unachtsamer Umgang mit Büchern. So manche, die ein Buch auf der Fensterbank in der Sonne hatten liegen lassen oder es gar wagten, in der Bibliothek mit dem Frühstücksbrot in der Hand zu lesen, werden sich lebhaft an seine scharfen Zurechtweisungen erinnern. Die Bibliothek war ihm eben nicht nur ein Arbeitsinstrument, sondern ein Schatz, der gehütet werden mußte. Daß dieser Fundus durch eine große Zahl von Büchern aus seinem Nachlaß bereichert werden konnte, ist seiner Schwester Frau Dr. Dettbarn und ihrer Familie zu danken. Sie ermöglichten es auch, daß die kostbare Sammlung von Emblembüchern von der Kieler Universitätsbibliothek erworben werden konnte, so daß auch dieser Schatz weiterhin für Forschung und Lehre zur Verfügung steht.


Anmerkungen

1) Ein von Bärbel Manitz zusammengestelltes vollständiges Verzeichnis der Schriften von Wolfgang J. Müller findet sich in: Nordelbingen 61/1992, S. 13–18. S. auch: Kunstsplitter. Beiträge zur nordeuropäischen Kunstgeschichte. Festschrift für Wolfgang J. Müller zum 70. Geburtstag überreicht von Kollegen und Schülern, Husum 1984, S. 209–215.

2) Ein Exemplar der Dissertation von W.J.Müller befindet sich in der Bibliothek des Kunsthistorischen Instituts.

3) Wolfgang J. Müller, Niederländische Landschaftsgraphik des 16. und 17. Jahrhunderts. Katalog der Austellung des Kulturhistorischen Museums Bielefeld, Bielefeld 1979.

 

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