Adelbert Matthaei (1859–1924)

Vom Provisorium zum Institut

Von Uwe Albrecht

Zwei Studenten und eine Tasse KaffeeIn der Person Adelbert Matthaeis fanden die unterschiedlichen Interessen und Erwartungen, die von Seiten der Universität und der kulturell aufgeschlossenen Kieler Öffentlichkeit gehegt wurden, ihre Erfüllung. Matthaei garantierte ein breit gefächertes wissenschaftliches Lehrangebot, betreute die Sammlungen des Thaulow-Museums, vertrat die Belange des Kunstvereins, dessen größte Sorge in jenen Jahren die baldige Errichtung einer neuen Kunsthalle war, und lehrte regelmäßig das angewandte Zeichnen in der Tradition des Universitätszeichenlehrers.

Matthaeis wissenschaftlicher Schwerpunkt verlagerte sich alsbald von der gotischen Zisterzienserarchitektur Frankreichs und Deutschlands, die noch 1892 Gegenstand seiner Habilitationsschrift (1) gewesen war, auf die Erforschung der bildenden Kunst Schleswig-Holsteins, insbesondere der mittelalterlichen Holzskulptur, die er in mehreren großen Text- und Tafelbänden (2) als erster gründlich und systematisch bearbeitete – ein Themenbereich, der auch heute, nach 100 Jahren, am Kieler Institut nichts von seiner Bedeutung für Forschung und Lehre eingebüßt hat.

Inspiriert von der Thaulowschen Sammlung, die er an seinem neuen Arbeitsplatz zu reorganisieren hatte, und konfrontiert mit dem bald fehlgeschlagenen Projekt eines eigenständigen »Provinzialmuseums kirchlicher Altertümer«, für das sich insbesondere Richard Haupt zwischen 1893 und 1896 stark zu machen versuchte (3), beschäftigte Matthaei sich seit dem Sommersemester 1896, zunächst »privatissime«, in Übungen mit »Untersuchungen über Hans Brüggemann und ihm zugeschriebene Werke« (4), eine Veranstaltung, die er im Wintersemester 1896/97 fortsetzte. Offenbar in diesem Zusammenhang erfolgten im Sommer 1897 mit sieben Teilnehmern mehrere Exkursionen nach Preetz, Segeberg und Bordesholm, die als die ersten Studienfahrten des Kunsthistorischen Institutes überhaupt gelten dürfen. Der Kieler Maler Johannes Hampke, einer der Bewerber von 1892 um die Stelle des Universitätszeichenlehrers, der auch in die engere Wahl gekommen war, fertigte im gleichen Jahr zur Anschauung unterschiedlicher Maltechniken eine Mustertafel an, die Matthaei in seinen Lehrveranstaltungen einsetzte, um den Aufbau von Grundierungen, Fassungen und Applikationen an mittelalterlichen Bildwerken zu demonstrieren. Hampke trat um die Jahrhundertwende verschiedentlich bei Restaurierungen mittelalterlicher Holzskulpturen in Erscheinung. So geht auf ihn etwa die Neufassung des Altars in Süderhastedt zurück, die erst jüngst nach entstellender Übermalung der 1960er Jahre in denkmalpflegerischer Absicht wiederhergestellt wurde.

Im Wintersemester 1897/98 weitete Matthaei Lehre und Forschung auf die mittelalterlichen Schnitzaltäre Schleswig- Holsteins aus, woraus neben seinen eigenen Schriften auch eine erste Schülerarbeit hervorging. (5) 1903 befaßte sich sogar eine der beiden bei Matthaei in Kiel abgeschlossenen Dissertationen mit einem Thema aus diesem Bereich. (6)

Neben der mittelalterlichen Holzskulptur lag ein zweiter Schwerpunkt gewiß auf dem Oeuvre und der künstlerischen Persönlichkeit Albrecht Dürers, der regelmässig Gegenstand von Matthaeis Veranstaltungen war. Wie vielfältig darüberhinaus das Lehrangebot dieses Mannes sein konnte, zeigen Überblicksvorlesungen zur »Geschichte der kirchlichen Baukunst des Abendlandes« ebenso wie seine Kollegs zur »Geschichte der italienischen Malerei von Giotto bis Raffael«, über »Rembrandt« und zur »Geschichte der deutschen Kunst«, wobei sowohl das 15. und 16. Jahrhundert, als auch die Zeit der Romantik (insbesondere Moritz von Schwind (7)) eine Rolle spielten. Matthaei, dem von verschiedenen Seiten »die Gabe eines anregenden Vortrages« (8) bescheinigt wird, bemühte sich immer wieder, statt vom Katheder vor den Originalen, etwa in der Kunsthalle, im Thaulow-Museum oder in den Kieler Kirchen, seine Gedanken zu entwickeln. Eine »publice« im Sommersemester 1897 abgehaltene »Anleitung zum Betrachten von Kunstwerken« sicherte ihm immerhin eine Zuhörerschaft von 72 Personen, was in Kiel damals rekordverdächtig war. Eine zweite ähnliche Veranstaltung, die sich »Einführung in die Kunstgeschichte, verbunden mit einer Anleitung zum Verständnis des technischen Verfahrens der bildenden Künste« nannte, brachte 1901 sogar 80 Teilnehmer auf die Beine.

Als aktuelles wissenschaftliches Problem wurde in einer Übung während des Sommersemesters 1901/02 die »frühmittelalterliche Kunst der germanischen Völker anhand von Friedrich Seesselbergs gleichnamigem Werke« (9) behandelt. Damit wurde nicht nur auf das vielbesprochene Buch des Berliner Architekturhistorikers speziell eingegangen, sondern von Kiel aus auch zum ersten Mal das besondere Forschungsinteresse an der Kunst des Ostseeraumes bekundet. (10)

Im Sommer 1902 unternahm Matthaei mit seinem Seminar Grabungen an der Kirche zu Segeberg, die als Übung zur Untersuchung eines mittelalterlichen Bauwerkes deklariert wurden und im Jahr darauf zur Entstehung der ersten kunstgeschichtlichen Dissertation führten, die in Kiel überhaupt abgeschlossen wurde. (11)

Bereits im Haushaltsjahr 1895/96 war gemeinsam mit dem archäologischen Lehrstuhl, der nach P.W. Forchhammers Tod (gest. 8. Januar 1894) mit Arthur Milchhöfer seinen ersten Fachvertreter im Sinne einer von der Klassischen Philologie getrennten, eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin erhalten hatte, ein Projektionsapparat für Dias angeschafft worden. Die lange Zeit provisorische Unterbringung des »Kunsthistorischen Apparates«, wie das Institut bis 1914 offiziell hieß, in einem umgenutzten Garderobenzimmer des Kollegiengebäudes im Schloßgarten führte nicht nur dazu, daß alle Lehrmittel – Bücher, Reproduktionen und Kunstblätter, aber auch der Projektor – unter räumlicher Enge und unzureichenden Aufbewahrungsbedingungen zu leiden hatten, sondern auch zu mangelnder Systematik in der Bestandserschließung. Erst nach Bezug neuer Räume im rückwärtigen Flügel des 1900–1902 erweiterten Hauptgebäudes kam es zu einer Inventarisierung der inzwischen beträchtlich angewachsenen Bestände, die noch heute den historischen Kern der Lehrmittelsammlung des Kunsthistorischen Institutes ausmachen. Bibliothek, Fotothek und Diathek erhielten damals ihre ersten Kataloge.

Während seiner gesamten Kieler Zeit bot Matthaei – getreu seiner Dienstverpflichtung – Übungen im »Freihandzeichnen nach der Natur, mit Einführung in die Linearperspective und in die Lehre von Licht und Schatten« an, doch blieben hier die Teilnehmerzahlen – im Verhält- nis zu den anderen kunstgeschichtlichen Lehrveranstaltungen – so klein, daß nach Matthaeis Fortgang an die neugegründete Technische Hochschule in Danzig im Jahre 1904 das alte Amt des Universitätszeichenlehrers nicht wieder neu besetzt wurde. Carl Neumann, der zum Wintersemester 1904/05 Matthaeis Nachfolge antrat, war der erste ordentliche Professor, der den Lehrauftrag ausschließlich für Kunstgeschichte wahrnahm. Die zweihundertjährige Tradition des akademischen Zeichenlehrers war damit beendet. (12)


Anmerkungen

1) Matthaei habilitierte sich im Januar 1893 in Gießen mit einer Arbeit, die den Titel trägt: »Beiträge zur Baugeschichte der Cistercienser Frankreichs und Deutschlands mit besonderer Berücksichtigung der Abteikirche zu Arnsburg in der Wetterau«. Dem 1893 anläßlich von Matthaeis Berufung nach Kiel erstatteten Gutachten der Fakultätskommission zufolge rühmten »die von uns befragten Kenner des Faches übereinstimmend die Gründlichkeit der Arbeit, welche durch gleichzeitige Benutzung der Documente wie der Denkmäler mit sicherer Methode zu einem entwicklungsgeschichtlichen Resultat führt.« Weiter heißt es dort unter Bezugnahme auf einen der »hervorragendsten deutschen Vertreter der Kunstgeschichte«: »Als specimen eruditionis betrachtet, ist die Schrift eine treffliche Leistung und giebt die besten Erwartungen für eine ersprießliche Lehrtätigkeit des Verfassers [...]« (LAS, Abt. 47, Nr. 1194, fol. 270f.)

2) Adelbert Matthaei, Zur Kenntnis der mittelalterlichen Schnitzaltäre Schleswig-Holsteins, Leipzig 1898; ders., Werke der Holzplastik in Schleswig-Holstein bis zum Jahre 1530, Leipzig 1901.

3) LAS, Abt. 371, Nr. 612. Aufschlußreich für die Bewertung von Matthaeis Position in dieser Sache ist vor allem seine Stellungnahme vom 27. März 1895, in der es heißt: »1) [...] das Sammeln der sich zerstreut im Lande befindlichen kirchlichen Kunstaltertümer erscheint auch mir angezeigt; aber nicht in dem Umfang, daß alles was sich auf Böden etc. angesammelt hat, herbeizuschaffen wäre [...]. 2) Gegen die Errichtung eines mit dem Museum zu verbindenden Seminars für Theologen außerhalb Kiels [...] würde ich bei S. Exzellenz dem Herrn Minister der geistlichen pp. Angelegenheiten vorstellig werden. Als die Frage angeregt wurde, befand sich in Kiel noch keine Professur für mittlere und neuere Kunstgeschichte. Nunmehr nachdem eine solche etatsmäßig eingerichtet ist, hieße es diese Professur lahm legen, wenn man für die Theologen noch eine andere Unterrichtsstelle schaffen wollte. Mehr als die Hälfte meiner Zuhörer waren bisher Theologen, in einem Semester über 50. Ich habe Vorlesungen gehalten über »den Innenschmuck der christl. Kirchen mit Demonstrationen in den Kieler Kirchen und im »Thaulowmuseum«, die fast ausschließlich von Theologen besucht wurden. Das Thaulowmuseum birgt jetzt schon 5 Schreinaltäre, eine Reihe Altärchen, 2 Kanzeln, ein Taufbecken und sehr zahlreiche andere Schmuckgegenstände. Ich mache mich anheischig, das ganze untere Stockwerk des Museums für kirchlichen Schmuck frei zu machen. [...]«

4) LAS, Abt. 47, Nr. 274 (Akten d. Univ. Kiel betr. die jährlich einzureichenden Verzeichnisse der angekündigten und abgehaltenen Vorlesungen).

5) Ferdinand Lorenzen, Der Landkirchner Altar und seine Wiederherstellung, o.O. u. J. Ferdinand Lorenzen war einer der zahlreichen Theologiestudenten, die bei Matthaei Vorlesungen besuchten.

6) Friedrich Knorr, Der Meister des Neukirchener Altars, Kiel 1903.

7) Adelbert Matthaei, Moritz von Schwind, Kiel 1904.

8) LAS, Abt. 47, Nr. 1194, fol. 270 f.

9) Friedrich Seesselberg, Die früh-mittelalterliche Kunst der germanischen Völker, Berlin 1897.

10) Vgl. dazu Adelbert Matthaei, Über die frühmittelalterliche Baukunst in Schleswig-Holstein, o.O. 1904.

11) Christian Rauch, Die Kirche zu Segeberg, Kiel 1903.

12) Ein spätes »Nachspiel« erfolgte in den Jahren 1928–1930, als für kurze Zeit die Universitätszeichenlehrerstelle auf Antrag des Senats vom Berliner Kultusministerium erneut bewilligt und auf Vorschlag von Arthur Haseloff und Ernst Prinz mit dem Magistratsbaurat Karl Meyer besetzt wurde. Mangels Interesse mußte die Stelle aber nach 3 Semestern wieder gestrichen werden – diesmal endgültig.

 

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