Kunst – Theorie und Praxis


martius

Von Petra Hölscher und Maike Wiechmann

«... je älter ich geworden bin, je mehr habe ich mich überzeugt, wie notwendig es ist, sich einen weiten Blick zu erhalten und weder im Spezialistentum noch im alten Wissensbesitz fest zu sitzen.« (1)

Zunächst aber hatte die spätere Honorar-Professorin des Kunsthistorischen Institutes, Lilli Martius, »vor der Universität soviel Respekt, daß [sie] auf das Hören von Vorlesungen [...] von vornherein verzichtet.«

Stattdessen konzentrierte sich die Tochter des Kieler Ordinarius für Philosophie, Götz Martius, entsprechend einer »höheren Tochter« auf Privatunterricht im Zeichnen. Daran schloß sich der Besuch der 1905 in Kiel von Georg Burmester (1864–1936) und Fritz Stoltenberg (1855–1921) (2) gegründeten Privatakademie für Malerei an. Durch diese Malschule erhielt Lilli Martius die Möglichkeit zur Teilnahme an einem Kursus für Lithographie bei dem Hamburger Maler Ernst Eitner (1867–1955), wandte sich jedoch zwecks Erlernung der Radiertechnik 1907 nach Berlin, obwohl die Ateliers der Hauptstadt in Kiel als »gefahrvoller Ort der Sittlichkeit« galten.

Die eigentlich in Frage kommende Schule des »Vereins Berliner Künstlerinnen« war nach Worten Lilli Martius' durch den Weggang von Käthe Kollwitz (1867–1945) (3) uninteressant geworden – sie fand sich stattdessen in einem »bunten Gemisch weiblicher und männlicher Schüler [...], richtiger Originale« wieder: »im Atelier des Malers Max Jordan«. Die von ihr beabsichtigte Vervollkommnung in der Technik des Radierens konnte sie erst bei zusätzlichen Nachmittagsbesuchen in einer Werkstatt für Reproduktionsgraphik bei dem Radierer und Kunstschriftsteller Hermann Stuck (1876–1944) erreichen.

Neben den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges war es vermutlich gerade diese Berliner Zeit, die durch Kontakte zu anderen Künstlern und Künstlerinnen sowie durch öffentliche Veranstaltungen (z.B. 1912 der Kongreß der Frauen in Berlin) ihr politisches Bewußtsein um 1918 bestimmten: »Es war mir eine wichtige Sache, daß die Frauen nun wahlberechtigt wurden. Ich kam trotz einiger Zweifel an der Zweckmäßigkeit dieser Einrichtung doch zu dem Entschluß, daß es richtig sei, als Frau zu wählen« (4). In ihrem Selbstverständnis als Künstlerin und Kunsthistorikerin sollten die Fragen der Emanzipation nur eine untergeordnete Rolle spielen: »Wie dem auch sei: die Probleme der Frauenfrage kamen für mich [...] gar nicht in Frage.« So arbeitete sie zwar später über ein in der Kunstgeschichte bislang weniger beachtetes Gebiet (Schleswig-Holsteinische Malerei), ließ die Frage nach den Künstlerinnen dabei aber unbeachtet. (5)

Nach Kiel zurückgekehrt, ergaben sich erste Kontakte zum Kieler Kunstverein durch Besuche seiner Kupferstich-Sammlung (6) und der von ihm veranstalteten kleineren Ausstellungen, die als »eher zufällig zusammengetragene Gruppen von Bildern« in der sogenannten »Kunstscheune« (7) in der Dänischen Str. 35 gezeigt wurden. Aus Furcht vor dem »Dasein einer kleinen Malerin auf dem Dorfe« übernahm Lilli Martius die ihr sehr bald angebotene Verwaltung des Kupferstichkabinetts am 1. Januar 1923. Eine Arbeit, die die Ordnung und Verwaltung der graphischen Sammlung beinhaltete und nach eigenem Bekunden ihrem Wesen zu entsprechen schien: »[...] ich habe es immer als glücklich empfunden in einem kleinen Museum und nicht als winziges Glied in einem Riesenbetrieb zu sein.«

Auf Drängen des Kunstvereins und des Kunsthistorischen Institutes (vmtl. Haseloff) begann sie 1926 – ohne Lateinkenntnisse und mit 41 Jahren – das Studium der Kunstgeschichte, das sie 1929 mit der Dissertation über das Thema »Die Franziskuslegende in der Oberkirche von San Francesco« abschloß. (8) Es erscheint nur folgerichtig, daß sie laut Vorlesungsverzeichnis zum Sommersemester 1933 vom Kultusministerium die »Beauftragung zur Abhaltung von Kursen« (9) für Studenten erhielt, die sie mit der Übung zur »Entwicklung der Maltechnik« (10) begann.

Die Vorlesungsverzeichnisse der nachfolgenden Jahre bis 1953 zeigen, daß Lilli Martius in ihren Übungen hauptsächlich die »Technik und die Geschichte der Technik der druckgraphischen Künste« vermitteln sollte. Eine wahrscheinlich noch aus der Berliner Zeit in ihrem Besitz befindliche Druckerpresse gab den Studenten während dieser Zeit die Möglichkeit zu praktischen Arbeiten (11), welches die Attraktivität dieser Übungen besser verstehen läßt.

In den ausgehenden dreißiger Jahren führten die politische Situation und die Parteilosigkeit von Lilli Martius zu starken finanziellen Engpässen, so daß sie ihr eigentliches Forschungsgebiet – die italienische Malerei des Trecento – verließ und »[...] von nun an die intensivere Beschäftigung mit den Schleswig-Holsteinischen Künstlern zum Ziel hat, da [sie] die Nutzung der dänischen Nachbarschaft für leichter durchführbar hält« (12).

Der Auslagerung des Kunstvereins und der Schließung der Christian-Albrechts-Universität im Jahre 1944 folgte nach Kriegsende die Wiederaufnahme eines eingeschränkten Universitätsbetriebes im Priorhaus des Schleswiger Johannisklosters. Lilli Martius übernahm vertretungsweise die kunsthistorische Professur (13); ihr angekündigtes, aber wegen Raummangels nicht abgehaltenes Seminar hätte sich mit der Zeit des »Klassizismus und der Romantik« befassen sollen. Dazu hatte sie sich die »nötige Romantik« mit Hilfe eines Bollerwagens aus den z.T. in Schuby ausgelagerten Institutsbeständen beschafft. Stattdessen wurde sie von der Aufgabe in Anspruch genommen, die auf sieben Ausweichstellen verteilten Bestände der Kunsthalle, des Kunstvereins und des Kunsthistorischen Institutes wieder nach Kiel zu bringen. Obwohl die Universitätsverwaltung auf Lilli Martius' Nachfrage nach einem Transportmittel mit der Feststellung reagierte: »Was wollen Sie, Bücher Bilder? Kartoffeln sind wichtiger. Gehen Sie zum Engländer«, konnte sie bis Mitte August 1945 aufgrund »meiner Situation als Frau bei den Engländern, [die mir] sehr geholfen hat«, die Bestände der Kunsthalle, ebenso wie die Bibliothek und die Photosammlung des Kunsthistorischen Institutes nach Kiel zurückführen. Bei der Rückführung eines erheblichen Teiles der in der Kirche von Altenkrempe untergebrachten Bibliotheksbestände lernt sie die Schwierigkeiten eines ‚lebhaften Leihverkehrs' kennen: Die Bücher waren hier seit 1941 in einem Seitenschiff zur öffentlichen Benutzung in Regalen aufgestellt und erfreuten sich dort eines regen Zuspruches der Altenkremper Bevölkerung. Die Unterbringung der wieder zusammengetragenen Bestände erfolgte zunächst im Keller der Kunsthalle, in der bei Wiederaufnahme des Universitätsbetriebes dem Kunsthistorischen und dem Archälogischen Institut sowie dem Geschäftszimmer des Kunstvereins ein kleiner Raum von 16 m (14) zur Verfügung stand: Hier fanden auch die »[...] Übungen [von Lilli Martius] statt, wofür freilich die anderen ausziehen mußten«.

Mit Beginn des Jahres 1947 trat für Lilli Martius mit der Ernennung zur Kustodin der Kieler Kunsthalle ihre eigentliche Tätigkeit am Museum neben der Lehre wieder stärker in den Vordergrund: So konzipierte sie in diesem Jahr Ausstellungen zu den Werken von Käthe Kollwitz, Ernst Barlach und Emil Nolde. Erst ihre Pensionierung 1951 beendete diese Zusammenarbeit (15), während sie ihre Unterrichtstätigkeit am kunsthistorischen Institut bis zum Sommersemester 1953 fortsetzte. Mit ihrem letzten Proseminar »Bestimmungsübungen zur Zeichenkunst der großen Meister Deutschlands und Italiens« kehrte sie dabei an den kunsthistorischen Ausgangspunkt ihrer Dissertation zurück.


Anmerkungen

1) Dieses und alle weiteren unbezeichneten Zitate sind den Erinnerungen Lilli Martius, Erlebtes. Verwandten und Freunden erzählt, Kiel 1970 entnommen. Zum Schrifttum von Lilli Martius, auf welches hier nicht näher eingegangen werden kann, siehe: Friedel Stender, Bibliographie zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen der Buchbesprechungen, Kataloge, Referate u. Zeitungsaufsätze von Dr. Lilli Martius, in: Nordelbingen 34/1965, S. 16–17 und die Ergänzungen zur Bibliographie von Lilli Martius für die Jahre 1965–75, in: Nordelbingen 44/1975, S. 77–78.

2) Beide Künstler waren regional bekannte Landschafts- und Marinemaler. Stoltenberg, seit 1889 in Kiel tätig, ist 1892 im Gespräch für die Neubesetzung des akademischen Zeichenlehrers: vgl. den Beitrag von Uwe Albrecht, Vom Universitätszeichenlehrer zum Lehrstuhl für Kunstgeschichte in diesem Band, S. 21. Siehe ferner: Lilli Martius, Die Schleswig-Holsteinische Malerei im 19. Jahrhundert, Neumünster 1956.

3) Käthe Kollwitz war zwar seit 1897 an der Zeichen- und Malschule des »Vereins der Berliner Künstlerinnen, der erst kurz vor der Reichsgründung ins Leben gerufen worden [war]« als Lehrerin für Graphik und Zeichnen tätig, verläßt die Schule aber bereits 1903. Hierzu grundlegend: Profession ohne Tradition. 125 Jahre Verein der Berliner Künstlerinnen, Ausst. Kat. Berlin 1992.

4) Brigitte Schubert-Riese, Lotte Hegewisch, Lilli Martius, Gertrud Völker. Drei Frauenbilder aus der Kieler Stadtgeschichte, in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 1987, S. 12.

5) Das emanzipatorische Gedankengut, welches B. Schubert-Riese Lilli Martius unterstellt, wird unseres Erachtens aus den Erinnerungen von Lilli Martius, Erlebtes. Verwandten und Freunden erzählt, a.a.O., in dieser Intention nicht deutlich.

6) Zur Gründungsgeschichte der graphischen Sammlung siehe: Lilli Martius, 125 Jahre Schleswig-Holsteinischer Kunstverein 1843–1968, Neumünster 1968.

7) Die »Kunstscheune« war ein »[...] Fachwerkbau, der nach den Plänen einer Turnhalle [...] errichtet wurde [...], gegenüber dem Katzenstall auf dem Hinterhof der Anatomie«, Lilli Martius, ebd., S. 35.

8) Die Drucklegung erfolgt im Jahr 1932.

9) Vorlesungsverzeichnis SS 1933.

10) Ebd.

11) Vgl. Olaf Klose, Lilli Martius. 27. Juli 1885 – 14. Dezember 1976, in: Nordelbingen 46/1977, S. 7–10.

12) Hieraus sollte ihre Veröffentlichung Die Schleswig-Holsteinische Malerei im 19. Jahrhundert, Neumünster 1956 hervorgehen.

13) Die Arbeit von Irmgard Schlepps, Stuckornamentik und Raumgestaltung in Schleswig-Holstein vom Ausgang des 16. Jahrhunderts bis ca. 1815, Kiel 1945, die B. Schubert-Riese, a.a.O., S. 13, Lilli Martius zuweist, wurde, wie die Einsichtnahme in die Akten des Kunsthistorischen Institutes bestätigte, bereits von Richard Sedlmaier angenommen.

14) Die Bindung an die Kunsthalle bleibt erhalten, wie spätere Publikationen zeigen, so z.B. der Katalog Zur Geschichte der Gemäldegalerie in der Kunsthalle zu Kiel, Kiel 1958; vgl. Anm. 1 und die Bibliographie a.a.O.

15) Noch im Jahre 1951 erhält die Fünfundsechzigjährige die Universitätsmedaillie; zum 70. Geburtstag wird sie Ehrenmitglied des Städtischen Kunstvereins und zur Ehrenbürgerin der Universität ernannt, 1962 erhält sie den Kulturpreis der Stadt Kiel, acht Jahre später, 1970, wird sie zur Honorarprofessorin ernannt und 1975 erhält sie mit dem »Danebrog« ihre letzte Auszeichnung.

 

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Termine

Begrüßung der Studierenden durch die Lehrenden und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kunsthistorischen Instituts

Zwei Studenten und eine Tasse KaffeeTermin: Dienstag, 17. Oktober 2017, 14.15 Uhr Ort: Christian-Albrechts-Platz 2, Audimax, Hörsaal A
Die Orientierungsveranstaltung ist für Studierende der Kunstgeschichte (Bachelor und Master) obligatorisch. Lehramtsstudierende des Faches Kunst sind herzlich eingeladen.
Weitere Hinweise für Studierende der Studiengänge Kunstgeschichte (Bachelor / Master) und Kunst (Bachelor / Master) finden Sie hier.

Übergabe des Gemäldes Waldweiher von Vasilij Polenov

Termin
Die Kunsthalle zu Kiel forscht, ob sich in ihrer Sammlung Werke befinden, die während des Nationalsozialismus beschlagnahmt wurden. Ein solcher Fall konnte nun aufgedeckt werden.
Am 26.09.2017, um 18Uhr  wird das Gemälde Waldweiher (1881), in einer öffentlichen Veranstaltung dem rechtmäßigen Eigentümer zurückgegeben. Weitere Informationen finden Sie hier.

Geniale Künstler vs. malende Mädchen? – Genderaspekte in Kunst und Kunstpädagogik

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Öffentlicher Vortrag von Prof. Dr. Nanna Lüth (Universität der Künste, Berlin) und anschließender Workshop am 21. November 2017 von 16 bis 20 Uhr im Kunsthistorischen Institut, Westring 423, Kiel

Nähere Informationen

Der Klick-Modus. Über Bilder sprechen

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Öffentlicher Vortrag von Prof. Dr. Eva Sturm (Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg) am 15. Dezember 2017 von 14 bis 16 Uhr im Audimax, Hörsaal A, CAP2, 24118 Kiel (Im Rahmen des PerLe-Projektes Bild und Sprache – Sprache und Bild)

Nähere Informationen

Exkursion/Übung zu den Ausstellungen im Museum Kunst der Westküste, Alkersum/Föhr

ExkursionVom 16.-19. November 2017. Die Anmeldung erfolgt direkt bei Frau Lemke im Geschäftszimmer mit der Eintragung in die E-Mail-, und Referats-Liste sowie der Zahlung von 80 Euro für die Unterkunft in Ferienwohnungen in Alkersum (Verpflegung und Anreise werden von ihnen selbst organisiert).
Die Anreise bei Bahn oder per Auto bewerkstelligen Sie bitte selbst. Per Bahn 16.11. Kiel Anfahrt 8.03 Uhr – Wyk Ankunft 11.50 Uhr/ 19.11. Wyk Abfahrt 13.20 Uhr – Kiel Ankunft 16.57 Uhr. Weitere Informationen finden die im UnivIS.

Bild und Sprache - Sprache und Bild

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee
 
Save the Date: 26.01.2018 - 9.30 Uhr - 16.00 Uhr
Nähere Informationen folgen in Kürze.

"Hildesheim. Objekte und Eliten vom 11. bis zum 13. Jahrhundert."

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Es sind noch zwei Plätze frei!

Die Exkursion findet von Montag 16. bis zum 20. Oktober 2017 statt.
Anmeldungen  werden im Geschäftszimmer angenommen. Weitere Informationen finden Sie hier.

Freie Plätze im Hauptseminar

Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee

Im Hauptseminar "Das Bildnis in der deutschen Malerei des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts" von Prof. Dr. Jobst sind noch Plätze frei. Anmeldungen bitte per E-Mail an jobst@kunstgeschichte.uni-kiel.de

Das Proseminar "Stillebenmalerei" ist vorläufig belegt.

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31. Juli bis 13. Oktober 2017
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