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Forschungsprojekt: Die Propheten am Chor des Ulmer Münsters

 

Mit dem 1. Januar 2012 hat das von der Fritz-Thyssen-Stiftung durch ein Postdoc-Stipendium für Dr. Matthias VON DER BANK geförderte Forschungsprojekt zu den Strebepfeilerfiguren am Chor des Ulmer Münsters unter der Leitung von Professor Dr. Klaus Gereon BEUCKERS am Kunsthistorischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel seine Arbeit aufgenommen.

 

Die um 1390 entstandenen, lebensgroßen Skulpturen der acht Propheten an den Strebepfeilern des Ostchores gehören trotz ihres prominenten Aufstellungsortes zu den unbekanntesten Kunstwerken des Ulmer Münsters. In der Diskussion um die Ulmer Parlerkunst des späten 14. Jahrhunderts nehmen sie gegenüber der Portalskulptur eine unverhältnismäßig untergeordnete Stellung ein. Diese fehlende Würdigung basiert vor allem auf ihrer Unzugänglichkeit für direkte oder fotografische Betrachtung aufgrund der Höhe ihrer Anbringung und ihrer Einstellung in Baldachine. So waren die Propheten zuletzt während der Fertigstellung des Ulmer Münsters im 19. Jahrhundert eingerüstet und aus der Nähe zu betrachten, als die Kunstgeschichte noch in ihren Kinderschuhen steckte. Die Einrüstung des Münsterchores im Zuge derzeitiger Restaurierungsmaßnahmen führte jetzt zu einer „Neuentdeckung“ der Propheten, die sich insbesondere nach der derzeit stattfindenden Reinigung als stellenweise sehr gut erhalten und vor allem als höchst qualitätvolle Arbeiten herausgestellt haben.

 

Obwohl die Propheten prinzipiell bekannt waren, fehlt bisher eine eingehende wissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen, die ihrem hohen Stellenwert für die Kunst des ausgehenden 14. Jahrhunderts gerecht werden würde. Für solche Defizite gibt es durchaus Vergleichsbeispiele an anderen Bauwerken. So wurden etwa die Propheten am Oktogon des Freiburger Münsterturms jahrzehntelang vernachlässigt, ja verkannt. Erst als man sie nach dem Zweiten Weltkrieg abnahm und im Freiburger Augustinermuseum aufstellte, rückten sie überhaupt in den Blickwinkel der Forschung und wurden als Hauptwerke der oberrheinischen Skulptur um 1330 erkannt. Angesichts solcher Erfahrungen hat sich das Kieler Forschungsprojekt die Aufgabe gestellt, die Ulmer Propheten erstmals im Rahmen einer breiten, interdisziplinären Zusammenarbeit wissenschaftlich zu untersuchen und ihren Ort in der Kunstgeschichte herauszuarbeiten.

 

Seit Jahrzehnten wurde jedes vergleichbare Vorhaben dadurch verhindert, dass die Propheten hoch oben an den Strebepfeilern nahezu unerreichbar waren. Die jetzige Restaurierung bietet die einmalige Gelegenheit, dieses Forschungsdesiderat zu beheben und erstmals seit hundert Jahren die Skulpturen vom Gerüst aus direkt und intensiv mit verschiedenen Methoden und Techniken zu untersuchen. Dieses Gerüst wird um den Ostchor herumwandern, so dass alle Propheten erfasst werden können.

 

In einer Zusammenarbeit des Kunsthistorischen Instituts der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit dem Landesdenkmalamt in Esslingen und der Münsterbauhütte in Ulm werden die Aspekte der Bauforschung, der Restaurierung und der kunstgeschichtlichen Einordnung der Skulpturen gleichermaßen berücksichtigt. Im kunsthistorischen Bereich soll die Stellung der Ulmer Propheten im Gesamtkontext der Parlerskulptur in Prag, Freiburg, Schwäbisch Gmünd und Köln detailliert analysiert werden. Verglichen mit den inzwischen überaus differenzierten Erkenntnissen der Forschung zur Parlerarchitektur sind die entsprechenden Bezüge zwischen den Skulpturenensembles erst grobmaschig erfasst. Die stilistischen und ikonographischen Zusammenhänge sowie Abhängigkeiten der Skulpturengruppen untereinander, aber auch in Zusammenhang mit der Architektur zu erforschen, ist Anliegen des Kieler Forschungsprojektes. Damit wird gleichzeitig ein vertieftes Verständnis der Baugeschichte des Ulmer Münsters insgesamt angestrebt.