Die mittelalterlichen Kirchen von Neuweiler im Elsaß (Neuwiller-lès-Saverne) und ihre mittelalterliche Ausstattung.

Die Abtei Neuweiler im Elsass (Département du Bas-Rhin) gehört zu den ältesten Klöstern am Oberrhein. Um 720 gegründet, in seinen Anfängen vom hl. Pirmin (+ 753) geleitet, bildete es zusammen mit der Abtei Maursmünster (Marmoutier) eine zu Metz gehörige Halbinsel inmitten des seit dem 8. Jahrhundert formierten Straßburger Bistums. Die Blüte Neuweilers setzte mit der Translation der Gebeine des Metzer Bischofs Adelphus im Jahre 836 ein, der neben der hl. Odilie schnell zu einem der wichtigsten Heiligen im Elsass wurde. Der Höhepunkt der Klostergeschichte lag im 11. und 12. Jahrhundert.

Die Ergebnisse werden im sh-Verlag, Köln, mit französischen Zusammenfassungen der Beiträge veröffentlicht:

Kirchen von Neuweiler

 

"Die Kirchen von Neuweiler im Elsass / Les Églises de Neuwiller-lès-Saverne, hg. v. Klaus Gereon Beuckers"
Band 1: Klaus Gereon Beuckers (Hg.): St. Adelphus / Saint-Adelphe,
sh-Verlag: Köln 2008, ISBN 978-3-89498-188-4

 

 

 

 

 

 

Das Ritual Neuweiler band 2

 

 

Band 2: Klaus Gereon Beuckers (Hg.): Das Rituale des frühen 13. Jahrhunderts aus Neuweiler / Le Rituel de Neuwiller-lés-Saverne,
sh-Verlag: Köln 2010, ISBN 978-3-89498-256-0.

 

 

 

 

 

 

Cover Neuweiler

 

 

 

Nach der Auflösung des sh-Verlages ist aus dem Projekt heraus erschienen:

Band 3: Gisela Probst: Die Memoria der Herren von Lichtenberg in Neuweiler (Elsass). Adelphus-Teppiche, Hochgrab Ludwigs V. (+ 1471), Heiliges Grab (1478), Glasmalereien (Neue Forschungen zur deutschen Kunst, Bd. 11; Jahresgabe des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft 2015), Berlin 2015.

 

 

Der Band von Marion Boschka zu St. Peter und Paul / Saint-Pierre-et-Paul ist weiterhin in Vorbereitung.

Heute wird der kleine Ort von der Abteikirche und ihren (bis auf einen romanischen Trakt mit dem Kapitelsaal) weitgehend aus nachmittelalterlicher Zeit stammenden Klostergebäuden sowie von der unweit gelegenen ehemaligen Stiftskirche St. Adelphus geprägt. Der Abteikirche St. Peter und Paul ist im Osten eine zweigeschossige Doppelkapelle aus dem 11. Jahrhundert vorgelagert; die Hauptkirche soll nach einem Klosterbrand 1177 bis in das 13. Jahrhundert hinein entstanden sein. Auch St. Adelphus wird meist um 1200 datiert.

Die kunsthistorische Forschung, die Neuweiler trotz der allgemein anerkannten Bedeutung beider Kirchen bisher meist nur am Rande gestreift hat, bewertet die Ostteile der Abteikirche immer wieder als eine späte Formulierung der sonst um 1130/40 im Elsass geläufigen Formen. Eine genauere Untersuchung der Bausubstanz und eine detaillierte Einordnung in die datierten Vergleichsbauten des Elsass steht aber bisher aus.

Hier setzt das am Institut für Kunstgeschichte der Universität Stuttgart begonnene, inzwischen am Kunsthistorischen Institut der Christian-Albrechts-Universität beheimatete Forschungsprojekt ein und untersucht die beiden Kirchen sowie einige zentrale Ausstattungsstücke. Gegenstand des Projekts ist einerseits eine umfassende Baumonographie zur Abteikirche von Marion Boschka auf der Basis der weitverstreuten Schriftquellen und Archivbestände sowie neuer Bauuntersuchungen. Den zweiten Schwerpunkt bilden Forschungen zur Adelphikirche, deren erster Band 2008 im Druck vorgelegt wurde. Er umfasst eine umfassende bauforscherischen Untersuchung der erhaltenen Kirche durch Ulrich Knapp sowie die kunsthistorische Bearbeitung des wichtigsten Ausstattungsstückes der ehemaligen Stiftskirche, den (seit 1828 in der Abteikirche aufbewahrten) Altarschrein mit den Reliquien des hl. Adelphus, durch Melanie Prange. Zudem gibt ein Beitrag von Gisela Probst zu den Lichtenberger Stiftungen des 15. Jahrhunderts an St. Adelphus einen Einblick in die äußerst qualitätvolle Ausstattung der Kirche im Zuge einer Memorialstiftung. Ihrer umfassenden Erforschung, die sich ausführlich auch mit der hagiographischen Überlieferung der Adelphus-Vita auseinandersetzt, wird ein eigener Band des Forschungsprojekt gewidmet werden. Ein vierter Teilbereich, den insbesondere Gerhard Vogt bearbeitet, setzt sich mit den liturgischen Quellen zu den Neuweiler Kirchen auseinander.

Die Forschungen von Ulrich Knapp haben die Bauphasen der wohl partiell auf den Fundamenten einer älteren Anlage seit der Mitte des 12. bis in das frühe 13. Jahrhunderts hinein errichteten romanischen Kirche von St. Adelphus differenzieren und die hinter den verschiedenen Konzeptionen stehenden Vorbildbauten benennen können. Detailliert wurden auch die einschneidenden Restaurierungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erforscht, zu denen auch der Abbruch des gotischen Hallenchores gehörte. So konnte erstmalig ein umfassendes Bild der Architektur von St. Adelphus vorgelegt werden, das diesen wichtigen Bau in die kunsthistorische Forschung einzubetten ermöglicht.

Melanie Prange hat über den bedeutenden steinernen Reliquienaltar von St. Adelphi mit dem ausgehenden 13. Jahrhundert insbesondere die Phase der Errichtung des Hallenchores, der heute nur noch in historischen Abbildungen überliefert ist, in den Blick genommen. Er prägte bis zu seiner Niederlegung ab 1824 das Bild der Stiftskirche und war einer der frühesten Chorbauten seines Typs überhaupt in Deutschland. Der in der Abteikirche erhaltene Altarschrein war das zentrale, bauzeitliche Ausstattungsstück des neuen Chores und ermöglichte Rückschlüsse sowohl auf die Typologie solcher Altäre als auch auf die Architektur seiner Zeit. Er ist stilistisch zusammen mit dem gotischen Hallenchor um 1280/90 entstanden und adaptierte in seinen steinenren Wimpergen und den Einzelformen so unmittelbar Straßburger Formgut, dass von einer Ausfertigung durch die Straßburger Hütte, die unter Erwin von Steinbach zeitgleich den dortigen Westbau errichtete, auszugehen ist. Der Chorbau und seine Ausstattung verweisen auf die seit 1260 offen in Neuweiler ausgetragene Konkurrenz zwischen den Bistümern Straßburg und Metz, wobei die Abtei für die Metzer und das Stift für die Straßburger Partei gestanden zu haben scheint. Die Beziehungen des Neuweiler Adelphistifts zu Straßburg lassen sich personell in der Familie von Lichtenberg, die Vogteirechte über Neuweiler hielt und mit Johannes und Konrad Kanoniker des Stiftes stellte, erkennen. Konrad wurde 1273 Bischof von Straßburg, worin ihm sein Bruder Friedrich 1299-1306 folgte. Das wenig früher vollendete Langhaus der Abteikirche hatte hingegen demonstrativ Metzer Formen übernommen. Das gilt wohl auch für das dortige, möglicherweise sogar von einer Metzer Werkstatt geschaffene, qualitätvolle Figurenportal.

Das Forschungsprojekt zu den Kirchen von Neuweiler und ihren mittelalterlichen Ausstattungen unter der Leitung von Klaus Gereon< Beuckers spiegelt die seit Jahren intensive Beschäftigung mit Kunst in Frankreich wider. Im Elsass kreuzt sich der entlang der Rheinschiene insbesondere vom Mittel- und Oberrhein her vermittelte Formtransfer mit der Adaption von Elementen aus den französischen Kerngebieten und Burgunds und zeugt beispielhaft von der Durchlässigkeit politischer Grenzziehungen im Mittelalter. Das Projekt pflegt eine enge Kooperation insbesondere mit den zuständigen Straßburger Stellen.

 

Kontakt:
Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers
Kunsthistorisches Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Olshausenstr. 40
24118 Kiel
Tel.: 0431/880-4630
E-Mail: siehe Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers