Das Forum für Frauenstiftsforschung

Seit dem Frühmittelalter hat sich neben der monastischen Lebensweise eine kanonische Form des geistigen, gemeinschaftlichen Lebens entwickelt. Für die Konventsmitglieder in einem Frauenstift waren die Vorgaben der 816 abgefassten Aachener Institutio sanctimonialium grundlegend: Die Frauen legten ein Gehorsamsgelübde gegenüber der vorstehenden Äbtissin ab, behielten ihren Besitz und konnten jederzeit austreten, um zu heiraten. Frauenstifte waren Zentren der Memoria, der Bildung und der Liturgie.

Die Lebensform, die Herkunft und die Aufgaben der Konventsmitglieder hatten erheblichen Einfluss auf die Architektur von Frauenstiften, deren Ausstattung sowie auf das dort gefeierte Zeremoniell. Von der Forschung ist dies bisher erst in Ansätzen untersucht worden. Ausgehend vom Kunsthistorischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel wurde daher im Winter 2016 das Forum für Frauenstiftsforschung gegründet. Es widmet sich in einem interdisziplinären Diskurs der Erforschung von Frauenstiften von ihrer Gründung im frühen Mittelalter bis zur Säkularisierung.

Wurde die Forschung zu Frauenstiften in den vergangenen drei Jahrzehnten hauptsächlich von historischer Seite aus betrachtet, so wird sich das Forum hauptsächlich auf kunsthistorische Fragestellungen zum Thema Frauenstift konzentrieren. Fachbereiche wie Geschichte, Theologie oder Musikwissenschaften, die als Grundlage und Anknüpfung kunstgeschichtlicher Forschung dienen, werden dabei mit in die Diskussion einbezogen.

Das Forum organisiert insgesamt drei Tagungen in Köln, die verschiedene Zeithorizonte und Themenbereiche fokussieren. Als Tagungsort wurde das ehemalige Frauenstift St. Maria im Kapitol gewählt. Die Ergebnisse sollen in je einem Tagungsband zeitnah zu der Veranstaltung veröffentlicht werden.

Die erste Tagung wird im November 2017 stattfinden und stellt die frühen Bauten der Frauenstifte ins Zentrum. Neben den Gründungsbauten sollen auch bauliche Veränderungen thematisiert werden, die explizit für Sakralbauten der Kanonissen notwendig waren, wie beispielsweise die Empore. Sie spielt in der Architektur der Frauenstifte eine bedeutende Rolle. Aber auch Lettner, Chorschranken und unterschiedliche Bodenniveaus weisen auf eine bewusst konzipierte Teilung des Kirchenraums hin, die für einen weiblichen Konvent spezifisch war. Denn anders als bei einem männlichen Konvent war hier eine strenge Trennung zwischen den weiblichen Konventsmitgliedern und der Pfarrgemeinde sowie anderem Personal erforderlich.

Die zweite Tagung im Jahr 2018 setzt den Schwerpunkt auf die Bildwerke, die im 13. und 14. Jahrhundert in die Kirchen der Kanonissen kamen. In dieser Zeit veränderte sich im Zuge der Mystik das Verständnis der Frömmigkeit, womit eine Veränderung der Bildsprache, der Visualisierung und der Wahrnehmung des Kirchenraumes einherging. Kern der bildlichen Ausstattung dieser Zeit sind die auch in Frauenkonventskirchen neu aufkommenden Retabel sowie die sogenannten ‚mystischen Bildwerke‘ wie die Piéta, Christus-Johannesgruppen etc., die für Frauenstiftskirchen bisher noch nicht untersucht wurden, obwohl sie dort in besonderer Dichte und in frühen Beispielen überliefert sind. Ein sehr ausdrucksstarkes Beispiel für diesen Themenkomplex ist der Crucifixus dolorosus in St. Maria im Kapitol in Köln.

Die dritte Tagung 2019 fokussiert Malerei in Frauenstiftskirchen und die zunehmende Öffnung der Kirchen für Konventsfremde im 15./16. Jahrhundert, die sich besonders über bürgerliche Repräsentation beispielsweise durch die Stiftung von Wand-, Glas- und Tafelmalereien, Skulpturen und weiteren Ausstattungsstücken sowie Bestattungen in der Kirche äußert. Waren gerade Frauenstifte hauptsächlich eine Domäne des Adels, so begannen sich in jener Zeit auch Stiftungen aus dem Bürgertum zu etablieren. Für einen Perspektivwechsel sorgt die Betrachtung der Kanonissen in der städtischen Liturgie, wodurch nicht nur deren Aktionen, sondern auch die Interaktion zusammen mit anderen Konventen einer Stadt und der Bürgerschaft deutlich werden.

Das angestrebte Ergebnis des Forums für Frauenstiftsforschung ist es, durch die drei Tagungen und Publikationen den Diskurs über Frauenstifte im kunsthistorischen Kontext langfristig und nachhaltig anzuregen und zu intensivieren. Es sollen neue methodische Zugänge erarbeitet werden, die für andere Themengebiete der Kunstgeschichte sowie in anderen Disziplinen anwendbar sind und somit dauerhaft in der Forschung verankert werden. Ein Fortbestehen des Forums über den Zeitraum 2017–2019 hinaus ist angedacht, um die Entwicklung von Architektur, Bildwerken und Malerei in Frauenstiften in der Frühen Neuzeit bis zur Auflösung der Konvente untersuchen zu können.

Projektleitung: Dr. Julia von Ditfurth
Kontakt: frauenstifte@kunstgeschichte.uni-kiel.de

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Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee      Zwei Studenten und eine Tasse Kaffee