Barockisierung mittelalterlicher Damenstifte

Tiefgreifende Veränderungen prägen die Epoche zwischen der Konfessionalisierung und dem Ende des 18. Jahrhunderts für alle geistlichen Gemeinschaften und insbesondere für die Damenstifte.

Der Verlust der kirchlichen Einheit, das Ringen vieler Konvente um ihre konfessionelle Zugehörigkeit sowie die Umwandlung etlicher Gemeinschaften in protestantische Stifte, bildeten eine deutliche Zäsur zum Spätmittelalter. Nach dem aus den konfessionellen Streitigkeiten erwachsenen Dreißigjährigem Krieg mit seinen weitreichenden Einflüssen auf die Herrschaftsstrukturen erlebten die Damenstifte – wie viele andere geistlichen Gemeinschaften – eine Blüte. Sie schlug sich nicht zuletzt in Umgestaltungen der Kirchen, der Konventsbereiche und auch des konventualen Lebens nieder, wobei Einflüsse des höfischen Lebens und eine Durchsetzung neuer Frömmigkeitsformen nach der Stabilisierung konfessioneller Zugehörigkeiten die Grundlagen bildeten. Auf katholischer Seite wurden die Forderungen des Trienter Konzils und eine starke Romorientierung prägend, was sich nicht zuletzt kunsthistorisch an einer Adaption italienischer Kunstformen in den Barockisierungen ablesen lässt.

Neuenheerse Kreis Warburg

oelinghausen

Ehemalige Damenstiftskirche Neuenheerse (Kreis Warburg)
Ehemalige Prämonstratenserinnen-Klosterkirche Oelinghausen (Kreis Arnsberg)
 

Das 2011 formierte Forschungsprojekt am Kunsthistorischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers und der Mitarbeit von Dr. Julia von Ditfurth untersucht deshalb die Modifikation der ästhetischen, visuell erfahrbaren und der sakralen, die Liturgie prägenden Struktur von Kirchenräumen und Konventsbauten. Über klassische kunsthistorische Methoden wie Zuschreibungen oder stilistische und ikonographische Fragestellungen hinaus werden Rekonstruktionen anhand des erhaltenen sowie des archivalisch überlieferten Kunstdenkmälerbestandes erarbeitet, visualisiert und analysiert, um die Veränderung der mittelalterlichen Raumdisposition durch die neuzeitliche Ausstattung erkennen und kontextualisieren zu können.

Geseke
Ehemalige Damenstiftskirche Gehrden (Kreis Lippstadt), Rekonstruktion der Veränderungen durch die erste Barockisierungsphase.

Die Modernisierungen im Sakralraum konzentrieren sich auf die Erneuerung von Altären, das Freiräumen der Mittelachse beispielsweise durch das Abbrechen von Lettnern und Chorschranken sowie das Versetzen von zentral stehenden Pfarraltären zur theatralen Inszenierung des Chorraumes als Schaubühne für den Hochaltar und die Eucharistie. Mit dieser ästhetischen, d.h. sinnlich wahrnehmbaren Veränderung konnte die Veränderung der Sakraltopographie durch die Verschiebung oder seltener Nivellierung liturgischer Handlungsorte einhergehen. Erste Untersuchungen, die im Rahmen dieses Forschungsprojektes vorgelegt worden sind, zeigen aber konfessions- und regionsunabhängig zumindest im Kern ein Festhalten an den tradierten Grundstrukturen der Damenstiftskirchen. Auch in Bauten, die aufwändig barockisiert worden sind, werden Orte, Reliquien oder historische Ausstattungsstücke geradezu programmatisch übernommen und neu in Szene gesetzt, um auf die lange Tradition der jeweiligen Institution zu rekurrieren und so zu legitimieren.

Die optische Heraushebung des Hochaltars im Sanktuarium hatte Konsequenzen für die Position der Damenchöre, die – so sie denn nicht ohnehin auf einer Empore gegenüber dem Hochaltar lagen – dorthin versetzt wurden. Nicht selten ging mit dem Barockisierungsprozess eine Modernisierung zugunsten des Komforts einher. Insbesondere heizbare Anräume und verglaste Logen fanden Anklang bei den Stiftsdamen und führten zu einem tendenziellen Rückzug der Kanonissen aus dem Kirchenraum.

Zwei Studenten und eine Tasse KaffeeGrundsätzlich ist bei der Barockisierung der Kirchen zwischen den beiden Konfessionsgruppen zu unterscheiden, die beide jedoch tiefgreifende Veränderungen erfuhren. Eine vergleichende Betrachtung dieser beiden Entwicklungslinien bei den Damenstiften steht bisher in der Forschung aus. Die Barockisierungen sowohl des Kirchenraumes als auch der Konventsgebäude insgesamt sind bisher meist nur monographisch untersucht und erst in Ansätzen methodisch reflektiert worden. Eine die Spezifik weiblicher Gemeinschaften berücksichtigende Erforschung von Einzelbauten und Konventen oder gar eine vergleichende Untersuchung zu Damenstiften liegt bisher nicht vor, hier setzt das Forschungsprojekt an.

Aus dem Forschungsprojekt heraus wurde 2013 die interdisziplinäre Jahrestagung des "Essener Arbeitskreises zur Erforschung der Frauenstifte" in der Kath. Akademie des Bistums Essen in Mülheim/Ruhr veranstaltet und dort eine methodische Grundlegung vorgestellt. Die Beiträge der Tagung sind 2014 unter dem Titel "Neue Räume - neue Strukturen. Barockisierung mittelalterlicher Frauenstifte" durch Klaus Gereon Beuckers und Birgitta Falk herausgegeben worden. Aktuelle Forschungen zur Barockisierung der Damenstiftskirche Gerresheim durch Julia von Ditfurth wurden kürzlichZwei Studenten und eine Tasse Kaffeeals Beitrag in dem Band "Das Gerresheimer Evangeliar. Eine spätottonische Prachthandschrift als Geschichtsquelle " veröffentlicht. Ihre 2015 an der CAU angenommene Dissertation "Wandel der Strukturen. Barockisierungsprozesse in Damenstifts- und Frauenklosterkirchen in Westfalen" erschien 2016.